Venezuela: Hilfe für vertriebene Familien beim Wiederaufbau mitten in Zerstörung und Trauma
Die Geschichte einer Mutter zeigt, wie schwerwiegend die Folgen der Erdbebenkatastrophe sind. Der LWF baut seine lokalen und internationalen Partnerschaften aus, um Familien in Not noch besser zu unterstützen.
Mildred Hernández de Betancourt und ihre Familie sind in einer Notunterkunft im César-Nieves-Stadion in La Guaira untergebracht, wo der LWB vom Erdbeben betroffene Familien unterstützt. Foto: LWB/Freisy González
Der lange Weg zum Wiederaufbau: LWB und Partnerorganisationen unterstützen Familien in Notunterkünften
(LWI) – Auch Wochen nach den verheerenden Erdbeben an der Nordküste Venezuelas ist Mildred Hernández de Betancourt dankbar, dass ihre Familie überlebt hat. Doch Nacht für Nacht denkt sie an die Menschen, die noch immer um ihre Angehörigen trauern oder auf Nachrichten von denen warten, die nie nach Hause zurückgekehrt sind. Ihre Geschichte steht symbolisch für den langen Weg zur Normalität, den Tausende von Familien vor sich haben. Der Lutherische Weltbund (LWB) und seine Partnerorganisationen leisten weiterhin humanitäre Hilfe für die von der Katastrophe betroffenen Bevölkerung.
Als am 24. Juni die Erde bebte, war Mildred Hernández de Betancourt gerade mit einer ihrer Töchter unterwegs, um ein besonderes Essen für die Familie einzukaufen. Strommasten stürzten um, und um sie herum bebten die Gebäude heftig. Ihr Ehemann schützte sie vor herabfallenden Trümmern. Die drei anderen Kinder waren in ihrer Wohnung im 14. Stock geblieben.
„Als ich sah, dass alles voll Trümmer und Staub war, dachte ich, meine Kinder seien tot“, erzählte Hernández einem LWB-Team im César-Nieves-Stadion in La Guaira, wo Notunterkünfte für die durch die Erdbeben obdachlos gewordenen Familien eingerichtet wurden. „Dann sah ich, dass das Gebäude noch stand. Als ich sie aus dem Fenster winken sah, wusste ich, dass sie am Leben waren.“
Mit dem Schmerz und dem Trauma leben
Die Familie hat überlebt, doch das Erdbeben hat tiefe seelische Wunden hinterlassen. Ihr 13-jähriger Sohn glaubte, er würde sterben, und kämpft noch immer mit der Angst, wenn der Boden bebt. Mit psychosozialer Unterstützung konnte er sich langsam wieder erholen.
Als Mutter weine ich nachts, wenn ich an die vielen Mütter denke, die nach ihren Kindern suchen
Mildred Hernández de Betancourt, La Guaira, Venezuela
Für Hernández bedeutet das Überleben des Erdbebens auch, mit dem Leid derer zu leben, die nicht so viel Glück hatten. „Als Mutter weine ich nachts, wenn ich an die vielen Mütter denke, die nach ihren Kindern suchen“, sagte sie. „Ich kann Gott nur bitten, uns Kraft und Glauben zu schenken, denn all das ist unglaublich schmerzhaft.“
Ihre Erfahrungen zeigen, dass in den betroffenen Gebieten weiterhin dringend humanitäre Hilfe benötigt wird. Tausende Familien sind nach den beiden Erdbeben, die in La Guaira und den umliegenden Bundesstaaten schwere Zerstörungen angerichtet haben, noch immer obdachlos. Ihnen fehlen Unterkünfte, medizinische Versorgung, psychosoziale Betreuung und einfache Haushaltsgegenstände.
Da der Wiederaufbau noch viel Zeit brauchen wird, baut der LWB seine Hilfsmaßnahmen gemeinsam mit lokalen und internationalen Partnern weiter aus.
„Bei unseren Hilfsmaßnahmen setzen wir auf lokales Engagement“, sagt Golda Ibarra, LWB-Vertreterin für Kolumbien und Venezuela. „Unser lokaler Partner, Más Ciudadanos, spielt eine Schlüsselrolle bei der Einbindung der Bevölkerung, der Bedarfsermittlung und den Hilfsmaßnahmen.“
In Zusammenarbeit mit der lokalen Partnerorganisation „Más Ciudadanos“ und der katholischen Gemeinde „Santo Domingo de Guzmán“ in Tanaguarena im Bundesstaat La Guaira verteilte der LWB Hilfspakete, darunter auch Spiele für Kinder. Foto: LWF/Freisy González
Über 17.900 Menschen haben durch die Erdbeben ihr Zuhause verloren; Tausende sind obdachlos geworden und benötigen die wichtigsten Hilfsgüter. Foto: LWB/ Freisy González
Partnerschaften aufbauen
In Zusammenarbeit mit „Más Ciudadanos“ und der katholischen Gemeinde Santo Domingo de Guzmán in Tanaguarena, Bundesstaat La Guaira, hat der LWB Hilfspakete und Matratzen an Familien verteilt, die bislang kaum oder gar keine Unterstützung erhalten hatten. Die Menschen wurden mit Reinigungssets für den Haushalt, Notunterkunfts- und Hygienesets, Lebensmittelpakete und Spielen für Kinder.
Die Kirche dient zudem als Verteilungszentrum für Hilfsgüter, wo der LWB und seine Partnerorganisationen bei der Erfassung der betroffenen Haushalte mitwirken. Mehr als 300 Familien wurden bereits als hilfsbedürftig registriert, und die Zahl steigt weiter an.
Die Zusammenarbeit stärkt auch die Koordination mit internationalen Partnern wie den Mitgliedern von ACT Alliance und anderen Organisationen. Bei einem gemeinsamen Besuch von Mitarbeitenden des britischen Disasters Emergency Committee (DEC) und World Vision informierte das LWB-Team kürzlich über die jüngsten Fortschritte bei der Stärkung der Advocacy-Arbeit und der Mobilisierung von Ressourcen für die laufenden Hilfsmaßnahmen sowie über die noch zu schließenden humanitären Lücken. In Gesprächen mit DEC-Geschäftsführer Saleh Saeed und der für Medien und Kommunikation verantwortlichen Natasha Tierney wurde zudem deutlich, dass die Hilfe für die betroffenen Gemeinden weiterhin aufrechterhalten bzw. ausgeweitet werden muss.
Mit der Nothilfe des LWB konnten über 5.000 Familien in Caracas, La Guaira und Delta Amacuro erreicht werden.
Eine Person geht durch ein vom Erdbeben zerstörtes Viertel in Playa Grande, La Guaira, Venezuela. Foto: LWF/ Freisy González
Das LWB-Team unter der Leitung von Golda Ibarra, Ländervertreterin für Kolumbien und Venezuela, im Gespräch mit dem DEC-Team unter der Leitung von CEO Saleh Saeed beim Besuch im Zentrum für Hilfsgüterverteilung in der katholischen Guzmán-Kirche in Tanaguarena, La Guaira. Foto: LWF/ Freisy González
Die lokale LWB-Partnerorganisation AVESSOC hat die weiterhin bestehenden vorrangigen Bedürfnisse ermittelt: Medikamente, Säuglingsnahrung, Versorgung von chronisch Kranken, kommunale Gesundheitsdienste, sicheres Trinkwasser, Nahrungsmittelhilfe und psychosoziale Betreuung.
Für Hernández und Tausende andere Familien ist die Krise mit dem Ende der Erdbeben noch nicht vorbei. „Wenn die betroffenen Gemeinden nun den langen Wiederaufbauprozess beginnen, brauchen sie weiterhin Solidarität und vor Ort organisierte humanitäre Hilfe, damit die Familien ihr Leben wieder aufbauen können“, so Ibarra.
Ein Spendenaufruf von ACT-Alliance für die Erdbebenhilfe in Venezuela hat zum Ziel, 6 Millionen US-Dollar für die humanitäre Hilfer der ACT-Mitglieder LWB, Diakonie Katastrophenhilfe und Hilfswerks HEKS für 12 Monate einzubringen. Finanziert werden sollen Maßnahmen in einigen der am stärksten betroffenen Gebiete in Caracas, La Guaira, Miranda und Maracay. Die ACT-Mitglieder werden Lebensmittel bereitstellen, nach Möglichkeit auch Bargeld und Gutscheine, Notunterkünfte und Haushaltsgegenstände wie Zelte, Matratzen und Kochutensilien, Trinkwasser, sanitäre Anlagen und Hygieneartikel; psychologische und psychosoziale Unterstützung; Hilfe zur Sicherung des Lebensunterhalts sowie weitere dringend benötigte Hilfsleistungen.
Aktuellen Angaben Amtes der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) zufolge beläuft sich die offizielle Zahl der Todesopfer der Erdbeben auf 4.829 Menschen, 16.740 Menschen wurden verletzt. Örtlichen Behörden zufolge sind 17.907 Menschen obdachlos.