Indonesien: Junge Pastorin auf der Insel Nias
Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Kirchengemeinschaft“ erzählt Pfarrerin Mesrawati Telaumbanua von ihren Kindheitsträumen und ihren Zielen als junge Führungskraft in der Protestantisch-Christlichen Kirche in Indonesien.
Pfarrerin Mesrawati Talaumbanua aus der Protestantisch-Christlichen Kirche in Indonesien. Foto: LWF/Albin Hillert
Pfarrerin Mesrawati Telaumbanua aus der Protestantisch-Christlichen Kirche in Indonesien
(LWI) – Als Schülerin in der indonesischen Provinz Nord-Sumatra träumte Mesrawati Telaumbanua davon, eines Tages eine berühmte Anwältin oder Sportjournalistin zu sein. Sie wollte durch die Welt reisen und Orte sehen, die weit von ihrer Heimatinsel Nias entfernt liegen. Der vor der Westküste Sumatras gelegene Archipel sorgt, vielleicht abgesehen von einem schweren Erdbeben im Jahr 2005, bei dem über 1.000 Menschen ums Leben kamen und Zehntausende im eigenen Heimatland vertrieben wurden, nur selten für Schlagzeilen in den internationalen Medien.
Doch genau auf dieser Insel arbeitet Telaumbanua heute als junge Pastorin und leitet das Büro für Programmarbeit und ökumenische Beziehungen in der Zentrale der Protestantisch-Christlichen Kirche (BNKP) in Indonesien. Seit 2023 ist sie zudem als Vertreterin von jungen Erwachsenen Mitglied im Rat des Lutherischen Weltbundes (LWB) und hat bei der Ratstagung im Juni 2026 in Genf im Eröffnungsgottesdienst gepredigt.
Das mag etwas ganz anderes sein, als die Zukunft, die sie sich einst ausgemalte, doch Telaumbanua sagt, sie sei immer wieder überrascht, wenn sie feststelle, „dass Gott ganz eigene Wege hat, seinen Plan in uns zu verwirklichen“. Selbst wenn wir oft murren „wie das Volk Israel in der Wüste“, sagt sie, „zeigt sich unsere Bestimmung immer deutlicher“ und würde die Reise weitergehen, wenn wir unserem Glauben treu blieben.
Erzählen Sie uns etwas über Ihre Familie und Kindheit.
Ich wurde in eine lutherische Familie hineingeboren und ging zum Kindergottesdienst, aber mein Vater interessierte sich nicht wirklich für die Kirche. Als ich von zu Hause auszog, um die weiterführende Schule zu besuchen, hörte ich auch auf, in die Kirche zu gehen, weil ich es langweilig fand. Ich ging damals höchstens einmal im Jahr an Weihnachten in die Kirche, aber meine Mutter hat meinen Glauben stets gefördert und wollte, dass ich Pastorin werde.
Was haben Ihre Eltern beruflich gemacht?
Sie stammen von der Insel Nias und waren dort zunächst auf einer Teeplantage und später auf einer Palmölplantage angestellt, bis sie in Rente gingen. Ich ging auf dem Festland in der Stadt Siantar zur Schule, teilte mir also ein Haus mit Freundinnen und träumte davon, eines Tages berühmte Anwältin oder Sportjournalistin zu werden. Als meine Mutter vorschlug, ich könnte mich stattdessen auf der Insel Nias am Theologie-Seminar ausbilden lassen, habe ich tagelang nicht mit meinen Eltern gesprochen, sondern habe mich einfach wütend und verwirrt in mein Zimmer zurückgezogen.
Was hat Sie dann bewogen, Ihre Meinung zu ändern?
Für das Theologie-Seminar muss man eine Aufnahmeprüfungen machen und ich beschloss, mich dafür anzumelden, aber mir war klar, dass ich keine Fragen zur Bibel würde beantworten können, da ich nichts über die Kirche wusste. In den anderen Prüfungsteilen aber muss ich wohl doch ziemlich gut abgeschnitten haben, denn überraschenderweise stand mein Name am Ende auf der Liste von Personen, die zum Studium am Sunderman-Seminar zugelassen worden waren.
In den ersten Jahren wollte ich immer noch nicht Pastorin werden. Es war eine Achterbahnfahrt für mich, weil ich mich ständig fragte, was ich mit meinem Leben machen wollte. Nachdem ich lange innerlich mit mir gerungen hatte, habe ich schließlich doch nachgegeben und meine Berufung angenommen. Mein Weg erschien mir direkt viel klarer – sehr viel mehr noch, als ich mir hatte vorstellen können.
Mir ist zum Beispiel klar geworden, dass ich würde schreiben können, auch wenn ich nicht als Sportjournalistin um die Welt reise. Ich habe inzwischen schon drei Kinderbücher geschrieben. Ich bin zwar keine ausgebildete Juristin, aber in unserer Kirche kann man sich rechtlich beraten lassen und ich arbeite mit den Anwältinnen und Anwälten zusammen, um die Menschen in unserer Kirche zu unterstützen. Ich habe verstanden, dass Gott ganz eigene Wege hat, seine Pläne für uns zu verwirklichen. Manchmal murren wir, wie das Volk Israel in der Wüste, aber wenn wir unserem Glauben treu blieben, zeigt sich unsere Bestimmung immer deutlicher.
Was haben Sie nach dem Studium am Theologie-Seminar gemacht?
Ich habe viereinhalb Jahre Theologie studiert und danach dreieinhalb Jahre ein Pfarrausbildung. Im November 2021 wurde ich ordiniert und habe drei Jahre lang in unserer Ortsgemeinde gearbeitet. Im Februar 2025 erhielt ich ein Stellenangebot im Zentralbüro der Synode als Leiterin des Büros für Programmarbeit und ökumenische Beziehungen.
Meine Aufgabe ist es, die Beziehungen zu anderen Kirchen, aber auch zu anderen Organisationen wie dem LWB und unseren Missionspartnern zu pflegen. Ich helfe dabei, in unseren Gemeinden Menschen für Stipendien oder Projektarbeit zu finden, und dann begleite und unterstütze ich sie. Ich arbeite viel mit jungen Menschen in der Kirche zusammen und konzentriere mich dabei vor allem auf die Themen Klimagerechtigkeit und die Prävention von Menschenhandel. Manchmal werde ich als eingeladen, vertretungsweise im Sonntagsgottesdienst einer Gemeinde zu predigen, wenn die eigentlich jeweils zuständige Pfarrperson abwesend ist. Auch wenn meine Haupttätigkeit im Synodalbüro ist, bin ich gerne in den Gemeinden, um sie in ihrer Arbeit zu unterstützen und ihnen bei der Weiterentwicklung zu helfen.
Wie sieht der Alltag für die Menschen auf der Insel Nias aus?
Viele Menschen sind in der Landwirtschaft tätig und halten Vieh, andere sind als Lehr- oder Pflegekräfte beim Staat angestellt. Der durchschnittliche Tageslohn liegt bei etwa vier Dollar – nach westlichen Maßstäben also nicht besonders hoch –, aber da sie ihre eigenen Höfe haben und fischen, müssen die Menschen nicht hungern. Früher waren das Bildungs- und Gesundheitswesen nicht besonders gut, aber nach dem Erdbeben auf Nias im Jahr 2005, das sehr viel Zerstörung angerichtet hat, kamen viele Hilfsorganisationen, um uns zu unterstützen, und dadurch hat sich die Versorgung deutlich verbessert.
Erzählen Sie uns etwas über Ihre Kirche und Ihre Arbeit dort.
Die BNKP ist die größte Kirche auf Nias, aber es gibt noch drei weitere LWB-Mitgliedskirchen, und wir arbeiten gut zusammen. Letztes Jahr bestand meine erste Aufgabe in meiner neuen Stelle darin, bei der Organisation der gemeinsamen Ausrichtung einer Sitzung des LWB-Nationalkomitees in Indonesien mitzuwirken.
Wir haben über 830 Pfarrpersonen, von denen mehr als 60 Prozent Frauen sind. Die Zahlen steigen, daher entsenden wir viele von ihnen aufs Festland, um neue Gemeinden zu unterstützen. Die Zahl der Kirchenmitglieder auf Nias ist stabil, außerhalb der Insel aber wächst sie ständig, da viele Menschen die Insel verlassen, um einen besseren Job zu finden.
Was sind die größten Herausforderungen, denen Sie konfrontiert sind?
Ich persönlich bin von Natur aus kein besonders extrovertierter Mensch, aber in meiner Tätigkeit braucht man viel Selbstvertrauen und Eigeninitiative, um auf Menschen zuzugehen und neue Beziehungen aufzubauen. Für unsere Kirche besteht eine der größten Herausforderungen darin, Programme in ländlichen und schwer erreichbaren Gebieten umzusetzen, in denen es häufig zu Überschwemmungen kommt oder Straßen fehlen. Ich denke, dass eine weitere Herausforderung ist, dass viele Menschen und insbesondere junge Gemeindemitglieder zum Arbeiten oder zum Studium auf das Festland ziehen.
Als Gemeinde entwickeln wir derzeit ein Projekt zum Bau eines Ausbildungszentrums, in dem ökologischer Landbau und Tierhaltung vermittelt werden sollen. Es handelt sich um ein langfristig angelegtes Projekt mit dem Ziel, die Menschen zu ermutigen, auf Nias zu bleiben und dort zu arbeiten, und nachhaltigere Lebensweisen im Einklang mit der Natur aufzuzeigen. Wir wollen nicht nur landwirtschaftliche Techniken vermitteln, sondern auch einen „grünen Markt“ aufbauen, damit die Menschen ihre Erzeugnisse verkaufen können und weniger vom Festland abhängig sind. Wir sehnen uns danach, diese Vision zu verwirklichen, und bitten voller Demut um Ihre Gebete und Ihre Unterstützung.
Wann haben Sie zum ersten Mal vom LWB gehört?
Am Theologie-Seminar habe ich etwas über andere lutherische Kirchen in verschiedenen Teilen der Welt gehört, aber vom LWB habe ich zum ersten Mal gehört, als ich als Vertreterin junger Menschen als Delegierte zur vorbereitenden Tagung zur LWB-Vollversammlung in Asien in Kuala Lumpur geschickt wurde. Dort lernte ich das Jugend -Netzwerk kennen und erfuhr viel über andere Kirchen, die sich mit Themen wie Armut, Geschlechtergerechtigkeit und Klimagerechtigkeit beschäftigen. In Malaysia wurde ich zudem in den LWB-Rat gewählt und bei der Vollversammlung in Krakau in diesem Amt bestätigt.
Was sind Ihre Erwartungen als Ratsmitglied?
Zunächst wusste ich nicht, was genau es bedeutet, Mitglied im LWB-Rat zu sein. Aber inzwischen sehe ich mich als Brücke zwischen meiner Gemeinde und dem Büro der Kirchengemeinschaft. Ich möchte eine gute Brücke sein und die Ideen und Beschlüsse des LWB in meine Gemeinde tragen, aber auch die Anliegen meiner Kirche und meiner Region auf die globalen Ebene bekanntmachen.
In Nias fühlen sich 90 Prozent der Menschen dem christlichen Glauben zugehörig, aber in anderen Regionen Indonesiens gibt es große Probleme mit der Religionsfreiheit, und die Menschen können nicht frei ihre Meinung äußern. Ich bin Mitglied im Ausschuss für Advocacyarbeit des LWB und hoffe, den Stimmen dieser Menschen auf globaler Ebene Gehör zu verschaffen. Mit unserer Vertretung bei den Vereinten Nationen und durch unsere Erklärungen und Kampagnen wollen wir andere darüber informieren, was hier wirklich geschieht.