Indien: Junge Erwachsene denken Gendergerechtigkeit im Alltag neu

15 Apr 2026

In einem kulturellen Umfeld, in dem vielen Menschen die Idee einer Gleichstellung der Geschlechter fremd ist, hilft ein theologisches Schulungsprogramm jungen Menschen dabei, alte Traditionen und Gepflogenheiten in Kirche und Gesellschaft zu hinterfragen.

Image
Teilnehmende am Workshop für Gendergerechtigkeit und Führungskompetenz in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Jeypur in Indien. Foto: ELKJ

Teilnehmende am Workshop für Gendergerechtigkeit und Führungskompetenz in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Jeypur in Indien. Foto: ELKJ

LWB-Ausbildungsprogramm zu Theologie, Gendergerechtigkeit und Führungskompetenzen geht Frage nach, wie Denkweisen verändert werden können

(LWI) – Junge Frauen und Männer in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Jeypur (ELKJ) im indischen Bundesstaat Odisha haben gemeinsam darüber nachgedacht, was Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Würde für sie im Alltag bedeutet.

In Anlehnung an das LWB-Ausbildungsprogramm zu Theologie, Gendergerechtigkeit und Führungskompetenzen (TGLE) führte der Jugendreferent der Kirche, Sourav Sampan Goudo, im Februar eine Reihe von Workshops durch und berichtet von seinen Erfahrungen. Zuvor hatte er an dem ersten TGLE-Programm in der Region Asien teilgenommen, das 2025 in Malaysia stattgefunden hatte. In Online- und Präsenzveranstaltungen vermittelte das Programm den Teilnehmenden Führungskompetenzen und bestärkte sie darin, kleine, auf die eigene Situation zugeschnittene Projekte in ihren jeweiligen Kirchen und Gemeinden zu starten.

Für viele Menschen in Indien sei die Idee einer Gleichstellung der Geschlechter noch immer fremd, sagte Goudo. Der junge Mann ist im Jugendnetzwerk des LWB aktiv und arbeitet als Englischdozent an einer Hochschule vor Ort. Er berichtete, dass tief verwurzelte soziokulturelle Überzeugungen, denen zufolge Männer höher gestellt sind als Frauen, nach wie vor einen ungleichen Zugang zu Bildung, Arbeitsplätzen und Rechten zur Folge hätten.

Frauen machen die gleiche Arbeit wie ihre männlichen Kollegen, doch in Führungspositionen können sie bislang noch nicht gewählt werden.

Sourav Sampan Goudo, Evangelisch-Lutherische Kirche Jeypur, Indien

Goudo erklärte, warum die Themen des TGLE gerade für eine Kirche relevant seien, deren Mitglieder größtenteils aus Dalit-, indigenen und anderen marginalisierten Bevölkerungsgruppen stammen: „In der ELKJ gibt es 21 ordinierte Pastorinnen. Frauen machen die gleiche Arbeit wie ihre männlichen Kollegen, doch in Führungspositionen können sie bislang noch nicht gewählt werden“, sagte er. Andere würden trotz ihres Potenzials davon abgehalten, eine höhere Ausbildung zu machen oder eine Beschäftigung aufzunehmen.

„Ein Leib, viele Glieder – für Gerechtigkeit zugerüstet“ war das Leitwort des ersten von drei ELKJ-Workshops mit 20 Teilnehmenden (12 Frauen und 8 Männer) unter der Leitung von Goudo. Dabei ging es um die Formulierung einer gemeinsamen Vision von gegenseitiger Zurüstung und das gemeinsame Engagement für gleiche Rechte für alle. Im Kern sollte ein integrativer Ansatz für soziale Gerechtigkeit entwickelt werden, der bekräftigt, dass alle Menschen das gleiche Recht auf Würde und gleichen Zugang zu Chancen, Teilhabe und Schutz hätten.

„Um den jungen Teilnehmenden dabei zu helfen, Geschlechternormen in ihren Familien, Kirchen und in ihrem Umfeld zu erkennen, wurde das Thema Gendergerechtigkeit klar und praxisnah im Rahmen eines breiteren theologischen Ansatzes erläutert“, erklärte er. Die Teilnehmenden setzten sich darüber hinaus mit der Frage auseinander, was gerecht und was ungerecht ist, und überlegten sich konkrete Ansätze, um gemeinsame Verantwortung und Teilhabe zu fördern. Viele bekundeten ihre Bereitschaft, sich an ihren Studienorten, zu Hause und am Arbeitsplatz für Gendergerechtigkeit einzusetzen, und waren sich ihrer Verantwortung für die Gestaltung sicherer und fürsorglicherer Gemeinschaftsstrukturen bewusst.

„Mein Anliegen war es, jungen Frauen und Männern ein Grundverständnis von Gendergerechtigkeit in Kirche, Familie und Gesellschaft zu vermitteln“, betonte Goudo.

Image
Die Workshop-Teilnehmenden wurden mit dem Grundsatzpapier des LWB zu Gendergerechtigkeit vertraut gemacht. Foto: ELKJ

Die Workshop-Teilnehmenden wurden mit dem Grundsatzpapier des LWB zu Gendergerechtigkeit vertraut gemacht. Foto: ELKJ

Image
ELKJ-Jugendreferent Sourav Sampan Goudo verteilt Material für Gesprächsrunden beim während des Workshops. Foto: ELKJ

ELKJ-Jugendreferent Sourav Sampan Goudo verteilt Material für Gesprächsrunden beim während des Workshops. Foto: ELKJ

Image
Gesprächsrunde zum Rollentausch. Foto: ELKJ

Gesprächsrunde zum Rollentausch. Foto: ELKJ

Rollentausch, Dialog und Geschichten aus dem wahren Leben

Zum Workshop gehörten auch interaktive Sitzungen zu konkreten Fallbeispielen aus dem Lebenskontext in Kirche und Gemeinwesen sowie eine Übung zum Rollentausch. Wie würde es aussehen, wenn Frauen bei Dorfratssitzungen in der ersten Reihe säßen und Diskussionen über Maßnahmen und Finanzthemen leiteten? Was wäre, wenn von Männern erwartet würde, traditionelle Frauenkompetenzen unter Beweis zu stellen? Die Teilnehmenden diskutierten zudem darüber, dass junge Frauen bei der Planung von Treffen oft ausgeschlossen würden, weil sie aus Sorge um ihre Sicherheit oder gesellschaftlichen Gründen nicht an Abendveranstaltungen teilnehmen können.

In Gruppengesprächen und beim offenem Austausch konnten die Teilnehmenden bestehende Formen von Ungerechtigkeit benennen und so ein Bewusstsein für Gleichberechtigung und Würde entwickeln. Außerdem wurden praktische Maßnahmen zu den Themen Umwelt und Klimagerechtigkeit vorgestellt und diskutiert.

Fürsorgliche Gemeinschaften stärken

Offene Gespräche führten zu mehr Bewusstsein für Genderfragen, zu neuen Einstellungen und mehr Engagement für Gendergerechtigkeit und Gleichberechtigung. „Die jungen Menschen haben sich darauf verständigt, diese Ideen an ihren Ausbildungsstätten, zu Hause und am Arbeitsplatz umzusetzen, um durch gemeinsame Verantwortung und gegenseitigen Respekt sichere und fürsorgliche Gemeinschaften zu schaffen“, führte Goudo aus.

Der ELKJ-Workshop bot gleichzeitig auch Gelegenheit, mehr über den LWB und seine Arbeit zu erfahren. Goudo verteilte Plakate zum Thema Gendergerechtigkeit, die die jungen Menschen dann an ihren Arbeitsplätzen, in Kirchen oder in der Nähe ihrer Wohnungen aufhängen wollten: eine visuelle Erinnerung daran, dass Gerechtigkeit im Alltag gelebt werden muss.

Pfarrerin Dr. Marcia Blasi, Programmreferentin für Gendergerechtigkeit und Frauenförderung beim LWB, erklärte mit Blick auf die Veranstaltung: „Jeder Kontext hat seine ganz eigenen Herausforderungen und Chancen. Das Programm für Theologie, Gendergerechtigkeit und die Ausbildung von Führungskräften ermutigt die Teilnehmenden zur aktiven Mitarbeit vor Ort, um Ungerechtigkeiten zu bekämpfen und Schritt für Schritt Veränderungen voranzutreiben.“

Maßnahmen des TGLE-Programms in Asien und Afrika werden durch die Hélène-Ralivao-Stiftung finanziert, die der LWB 2021 in Erinnerung an die madagassische lutherische Theologin und ihr Vermächtnis und Engagement für Gendergerechtigkeit ins Leben gerufen hatte.

LWB/E. Williams
Land:
Indien
Region: