Friedensbotschafterinnen und -botschafter: an Schnittstelle zwischen Spiritualität und sozialer Verantwortung
Ein Trainingsworkshop des LWB für Friedensbotschafterinnen und Friedensbotschafter in Johannesburg bietet 30 jungen Erwachsenen die Möglichkeit, etwas über den Kampf der Menschen in Südafrika gegen die Apartheid zu erfahren und sich neue Kompetenzen für Konfliktlösungen in ihren unterschiedlichen Kontexten anzueignen
Teilnehmende am Trainingsworkshop des LWB für Friedensbotschafterinnen und Friedensbotschafter im Nelson-Mandela-Nationalmuseum in Soweto, Südafrika Foto: LWB/LUCSA - Concelia Boshielo
LWB-Workshop in Südafrika zeigt jungen Erwachsenen neue Perspektiven zu Friedensarbeit, Versöhnung und Widerstand gegen Ungerechtigkeit
(LWI) – Als Friedensstifter „befinde ich mich an der Schnittstelle zwischen Spiritualität und sozialer Verantwortung“ – so formulierte es ein junger Lutheraner, der an dem vor kurzem durchgeführten Trainingsworkshop für Friedensbotschafterinnen und -botschafter in Südafrika teilgenommen hat und dort etwas über den Kampf der Kirchen in diesem Land für den Aufbau einer friedlichen Gesellschaft nach dem Ende der Apartheid gelernt hat.
Der Workshop des Lutherischen Weltbundes (LWB) gibt einer Gruppe von jungen Menschen jedes Jahr die Möglichkeit, sich sowohl mit den theologischen als auch den praktischen Aspekten der Konfliktlösungs- und Friedensarbeit zu befassen, und gibt ihnen Instrumente an die Hand, mit denen sie in ihren eigenen Gemeinwesen eine Führungsrolle in dieser Arbeit übernehmen können. In diesem Jahr haben sich 30 junge Männer und Frauen aus 23 LWB-Mitgliedskirchen in Johannesburg versammelt, um etwas über den Kampf gegen die Apartheid sowie über die laufenden Initiativen zur Bekämpfung von Ungleichheiten, Arbeitslosigkeit und Diskriminierung in der südafrikanischen Gesellschaft von heute zu lernen.
Die Teilnehmenden haben die Township Soweto besucht und konnten sich aus erster Hand über die Schicksale junger Menschen informieren, die während des von schwarzen Schülerinnen und Schülern angeführten Aufstands 1976 gegen die Einführung von Afrikaans als Unterrichtssprache in ihren Schulen ums Leben gekommen sind. Sie besuchten zudem das Hector Pieterson Museum, das an den zwölf Jahre alten Schüler erinnert, der zu den ersten Todesopfern gehörte, als die Polizei das Feuer auf eine Demonstration eröffnet hat. Sie besuchten das Haus von Nelson Mandela, in dem der Friedensnobelpreisträger während seiner ersten Jahre des Widerstandes gegen das Apartheidregime gelebt hat.
Friedensarbeit ist eine gemeinsame Verantwortung vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Generationen.
Savanna Sullivan, LWB-Jugendreferentin
„Diese Besuche waren eine zutiefst menschliche Begegnung mit dem Preis der Ungerechtigkeit und der Macht mutiger junger Führungspersonen“, sagte LWB-Jugendreferentin Savanna Sullivan, die den Trainingsworkshop vom 20. bis 25. April geleitet hat. Die Geschichte des Schüleraufstands von Soweto zeige, „dass es moralisch zwingend erforderlich ist, jungen Menschen zu Seite zu stehen, die ihre Stimme gegen die Unterdrückung erheben“, betonte sie.
Sullivan erklärte, dass ein Besuch im Apartheid-Museum Südafrikas und eine Dauerausstellung über den anglikanischen Erzbischof und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu die wichtige Rolle der Kirchen verdeutlichten, „wenn es um den Widerstand gegen Ungerechtigkeit, die Verstärkung marginalisierter Stimmen und das Engagement für ein prophetisches Zeugnis geht“. Gemeinsam mit den jungen Teilnehmenden, so Sullivan, „haben wir darüber gesprochen, dass die Friedensarbeit eine gemeinsame Verantwortung vergangener, gegenwärtiger und zukünftiger Generationen ist. Sie ist untrennbar mit Gerechtigkeit, Heilung und aktivem Widerstand gegen Diskriminierung in jeder Form verbunden.“
Sullivan berichtete, dass der Besuch beim südafrikanischen Verfassungsgericht, das am Standort und mit Steinen eines ehemaligen Gefängnisses für Menschen errichtet wurde, die gegen das Apartheidregime kämpften, wie Nelson und Winnie Mandela, zu einer Diskussion über die tiefere Bedeutung von Versöhnung geführt habe. „Wir waren uns einig, dass Versöhnung eine schmerzhafte Geschichte nicht ungeschehen macht, sich aber ehrlich mit ihr auseinandersetzt und unermüdlich daraus Hoffnung schöpft“, unterstrich sie.
LWB-Jugendreferentin Savanna Sullivan im Gespräch mit jungen Friedensbotschafterinnen und -botschaftern während eines Besuchs des Constitution Hill, einem vom Apartheidregime gebauten ehemaligen Gefängniskomplex. Foto: LWB/ LUCSA - Concelia Boshielo
Workshop-Teilnehmende im Hector Pieterson Museum, das an eines der ersten Schulkinder erinnert, die während des Soweto-Aufstands 1976 von der Polizei erschossen wurden. Foto: LWB/ LUCSA - Concelia Boshielo
Beim Besuch des Constitution Hill informieren sich die Teilnehmenden über den Kampf gegen die Apartheid in Südafrika. Auf dem Constitution Hill befand sich früher ein Gefängniskomplex für Gegnerinnen und Gegner des politischen Systems, darunter Nelson und Winnie Mandela. Foto: LWB/ LUCSA - Concelia Boshielo
„Geschichte kann man nicht schönfärben“, erklärte Onyango Shadrak, ein Teilnehmer von der Kenianischen Evangelisch-Lutherischen Kirche. „Die Museen, in denen wir waren, die Geschichten und die Lieder, die wir gehört haben, haben unmissverständlich gezeigt, dass Frieden nicht auf Vergessen aufgebaut werden kann“, sondern dass vielmehr „die anerkannte Wahrheit der Grundstein für Versöhnung wird. Als Friedensbotschafter muss es mir darum gehen, Handlungsräume zu öffnen, in denen schmerzhaftes Leid offen gezeigt wird, damit der Heilungsprozess fortschreitet. Als junger Lutheraner betrachte ich diese Arbeit als konkretes Beispiel für einen Glauben, der sowohl reflektierend als auch handlungsorientiert ist – eine Berufung, die für mich die Schnittstelle zwischen Spiritualität und sozialer Verantwortung ist.“
Für Elisa Perez Trejo von der Mexikanischen Lutherischen Kirche war der Trainingsworkshop für Friedensbotschafterinnen und -botschafter „eine sehr erfüllende und bewegende Zeit“, um sich auszutauschen, die Heilige Schrift zu studieren und etwas über den lokalen Kontext in Südafrika zu lernen. „In einer Welt voller Chaos“, sagte sie, „kann die Gelegenheit, eine Woche über das Thema Frieden nachzudenken, in unseren Gemeinwesen wirklich etwas bewirken. Ich jedenfalls habe Energie geschöpft, um mich weiterhin für eine bessere Zukunft einzusetzen“, sagte sie.
„Als Schwarze US-amerikanische Frau hat mich dieser Besuch in Südafrika tief bewegt“, erzählte Kristen Blount von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika, „denn die Geschichte der Apartheid in Südafrika zeichnet sich durch zahlreiche Ungerechtigkeiten, Segregation und generationenübergreifenden Schmerz aus, die auch Schwarze in Amerika ertragen haben.“ Ihr Dienst als Friedensbotschafterin, so Blount, „hat mein Vertrauen darauf gestärkt, dass Glauben und Frieden keine Schwächen sind, sondern transformierende Kräfte, die sich Ungerechtigkeiten entgegenstellen, historische Wunden heilen und Menschen vereinen können, die nach Befreiung und Versöhnung streben.“ Sie hoffe, sagte sie, dass sie die Lektionen in den USA durch das Netzwerk junger Erwachsener in ihrer Kirche und in ihrer Synode werde nutzen können, „um andere junge Menschen als Mentorin zu begleiten und zuzurüsten“.
Pfarrerin Lilana Kasper, Geschäftsführerin der Lutherischen Gemeinschaft im Südlichen Afrika (LUCSA) und Gastgeberin der jungen Teilnehmenden, erklärte, dieser jährliche Workshop biete Gelegenheit, „um sich Gedanken über ein Thema und eine Tugend zu machen, sich darüber auszutauschen und neue Erkenntnisse zu gewinnen, die die Welt mehr denn je braucht“. In diesem Jahr, sagte sie abschließend, „hat der Workshop insbesondere den jungen Menschen aus unserer Region die Gelegenheit gegeben, sich mit anderen jungen Erwachsenen auszutauschen, die die gleichen Sorgen über den Zustand der Welt haben, und ihre Entschlossenheit zu stärken, sich weiter für eine friedliche Welt einzusetzen“.