Heiliges Land: Wir setzen uns für Frieden ein, das ist unsere Berufung
Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Kirchengemeinschaft“ erzählt Bischof Imad Haddad von seinem Werdegang in die oberste Führungsposition seiner Kirche, seine Entwicklung von einem jungen Mann, der „vom Weg abgekommen“ ist, hin zu einem Kirchenoberhaupt, das andere zurüstet, um zu den Menschen zu gehen und prophetische Stimmen für Gerechtigkeit und Frieden zu sein.
Pfr. Dr. Imad Haddad im Gottesdienst zu seiner Amtseinführung in der Jerusalemer Erlöserkirche am 11. Januar 2026. Foto: ELKJHL/Studio Sami
Bischof Imad Haddad von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land
(LWI) – Imad Haddad erinnert sich noch gut an seine „Heimkehr“ in die Kirche im Heiligen Land. An seine Kindheit in unruhigen Zeiten. An die immer wiederkehrende Frage, wie die palästinensische Bevölkerung in die alttestamentlichen Erzählungen über die Region passt. Daran, dass er angesichts anhaltender Konflikte und anhaltender Besatzung auf Gottes Berufung und Verheißung von Frieden vertraute. Seine Mission heute ist es, die Menschen zu animieren, den Kontakt zur Kirche nicht zu verlieren, und sich für den Wandel stark zu machen, den er gerne erleben möchte.
Imad Haddad ist nicht von Geburt an lutherisch aufgewachsen, wurde aber im Januar dieses Jahres als fünfter Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land in sein Amt eingeführt. Seine Geschichte ist von persönlichen und familiären Problemen und Ungewissheiten geprägt, die die Angst und Unsicherheit aufgrund der politischen Situation um ihn herum in Israel und im Westjordanland widerspiegeln.
Vor seiner Ordination in Jerusalem hat er im Ausland studiert und versteht gut, warum so viele Palästinenserinnen und Palästinenser ihre Heimat verlassen und andernorts bessere Entwicklungsmöglichkeiten suchen, ein weniger feindseliges Umfeld, in dem sie leben und eine Familie gründen können. Aber seine Botschaft an sie ist klar und deutlich: Verliert den Kontakt zu diesem Land, zu dieser Kirche, zu euren Familien, zu euren Wurzeln nicht. Denn wir brauchen euch und ihr könnt hier wirklich etwas bewegen.
Erzählen Sie uns doch bitte zunächst etwas über Ihre Familie und die ersten Berührungen mit der Kirche im Heiligen Land?
Ich bin in Beit Jala geboren. Meine Mutter arbeitete dort in einem lutherischen Internat und so habe auch ich meine lutherische Identität entdeckt. Ich bin von Anfang an in einen lutherischen Kindergarten und eine lutherische Schule gegangen, aber erst als ich aufs Internat kam, lernte ich die Jugendgruppen kennen und nahm an den Bibelkreisen teil. Der Pastor in Beit Jala hat mich mit offenen Armen empfangen und in die Gemeinschaft aufgenommen.
Waren ihre Eltern Mitglied in der lutherischen Kirche?
Nein, meine Eltern waren katholisch. Aber sie ließen sich scheiden und wie Sie wissen, ist das in einer sehr religiös geprägten Kultur wie im Nahen Ost nicht einfach. Es gab Spannungen mit der Kirche und als Familie haben wir die Bitterkeit dieses Verhältnisses leider sehr zu spüren bekommen.
Dadurch hatte ich das Gefühl, vom rechten Weg abgekommen zu sein. Aber die Art und Weise, wie der lutherische Pastor mich aufgenommen hat, hat mir den Weg zurück zur Kirche gezeigt. Es war wie eine Heimkehr. Ich hatte nicht das Gefühl, wieder verletzt zu werden; es fühlte sich trotz der vielen Probleme, mit denen wir konfrontiert waren, vielmehr nach einer Zeit für Heilung und Weiterentwicklung an. Ich hatte nicht das Gefühl, wegen meiner Vergangenheit oder familiären Situation verurteilt zu werden, sondern wurde mit offenen Armen empfangen. Später sind meine Mutter, mein Bruder und ich in die lutherische Kirche eingetreten.
Ich nehme an, dass Sie neben diesen Schwierigkeiten im familiären Umfeld auch mit den politischen Problemen der damaligen Zeit zu kämpfen hatten?
Ja, natürlich! Ich war noch ein Kind, als [der Aufstand] 1987 begann, aber als 1994 dann die Palästinensische Autonomiebehörde gegründet wurde, stand ich kurz vor Beginn der weiterführenden Schule. Ich erinnere mich noch gut an beide Seiten – an die Zeiten, in denen ich die Unsicherheit deutlich gespürt und mit eigenen Augen gesehen habe, dass Menschen von Besatzungssoldaten verhaftet wurden, die Proteste auf der Straße, aber auch die Übernahme der Verwaltungsaufgaben durch die Palästinensische Autonomiebehörde in Jerusalem. Sie erinnern sich vielleicht noch, dass sie erst nach Gaza und Jericho gingen und erst dann in die Region um Bethlehem, so war die Vereinbarung.
Wie ging es Ihnen damals, wie haben Sie sich in dieser sich verändernden politischen Lage engagiert?
Politisch habe ich mich nicht direkt engagiert, aber ich habe mich natürlich immer gefragt, was das jetzt für mich konkret bedeutet. Wie passt das, was wir erleben, mit dem zusammen, was wir in der Bibel, im Alten Testament lesen? Ich erinnere mich noch gut, dass ich als kleines Kind mit meiner Großmutter immer in die Melkitisch-katholische Kirche gegangen bin und die Bibel gelesen habe. Ich habe alles gelesen, aber immer die gleiche Frage gestellt: Was bedeutet das für mich als palästinensischen Christen? Wie passe ich da rein?
Ich habe mich immer unsicher gefühlt im Leben, weder tagsüber noch nachts konnte man sicher auf der Straße unterwegs sein. Wir hatten immer Angst, dass sich etwas entladen würde, wenn wir auf dem Schulweg waren oder einfach mit meiner Mutter unterwegs. Eine ganz konkrete Situation aus meiner Kindheit werde ich nie vergessen: Ein paar Soldaten griffen sich ein paar junge Protestierende und zerrten sie aufs Feld, wo sie ihre Hände auf Steine hielten und mit anderen Steinen draufhauten, um ihnen die Hände zu brechen. Dieses Bild geht mir einfach nicht aus dem Kopf.
Nach der Schule sind Sie zum Studieren ins Ausland gegangen, richtig?
Ja. Ich bin nach der Schule für ein Bachelorstudium an die NEST in Beirut, die Near East School of Theology, das Theologie-Seminar des Nahen Ostens, gegangen. Auch das war ein Abenteuer, denn als Palästinenser durfte ich nicht nach Beirut reisen. Ich musste also einen vorläufigen jordanischen Pass beantragen, mit dem ich dann in Beirut leben durfte.
2006 bin ich in die USA gegangen und habe ein Jahr an dem damaligen Lutheran Theological Southern Seminary in Columbia, South Carolina, studiert. Inzwischen ist das Theologie-Seminar umgezogen und hat sich mit einer anderen Universität zusammengeschlossen, aber ich habe dort damals ein Jahr lang lutherische und ökumenische Theologie studiert.
Waren Sie je versucht, in den USA zu bleiben, um der Angst und Unsicherheit zu entkommen, mit der Sie aufgewachsen sind?
Dieses Gefühl hatte ich schon im Libanon abgelegt. Als ich mein Studium aufnahm, hatte ich das Gefühl, zum Dienst in der Kirche im Heiligen Land berufen zu sein, dass das der Ort ist, an den ich gehöre, dass ich der Kirche in Palästina dienen sollte. Das ist meine Geschichte, die Geschichte, die ich auch versuche, allen Menschen zu erklären, die Geschichte, mit der ich aufgewachsen bin. Deshalb: Nein, ich war nie versucht, in den USA zu bleiben.
Für Ihre Ordination sind Sie dann nach Jerusalem zurückgekehrt?
Ja, ich bin in Jerusalem ordiniert worden. Aber ich wurde in der Kirche in Beit Sahur eingesetzt. Ich hatte schon vor meinem Studium in den USA geheiratet und nachdem ich zurückgekommen war, lebten wir von 2007 bis 2012 in Beit Sahur. Danach wurde ich nach Ramallah versetzt und 2020 dann nach Amman, Jordanien, wo ich wirkte, bis ich zum Bischof der Kirche berufen wurde.
Sie fühlten sich berufen, im Heiligen Land zu bleiben, aber sehr viele andere christliche Gläubige verlassen das Heilige Land – machen Sie sich Sorgen um die Zukunft der Kirche in Ihrer Region?
Das hat mit der allgemein sehr schwierigen Lage hier zu tun, aber natürlich habe ich auch Hoffnung. Ich glaube nicht, dass der christliche Glaube aus dem Heiligen Land verschwinden wird, und dafür setzen wir uns auch ein. Wir beobachten die Entwicklung des christlichen Glaubens ja nicht nur still aus der Ferne, sondern wir sind es, die sie aktiv mitgestalten können.
Wir können den Menschen derzeit schlecht sagen, dass sie es nicht verdient hätten, sich nach einem besseren Lebensumfeld umzuschauen, einem besseren Kontext, in dem sie leben und eine Familien gründen können. Stattdessen sagen wir ihnen, dass sie die Verbindung zu ihrem Heimatland nicht verlieren sollten. Dass sie die Verbindung zur Heimat, zur Familie, zu den eigenen Wurzeln nicht verlieren sollten, denn wir brauchen sie und sie können hier wirklich etwas bewegen. Also ja, macht euch auf den Weg und sucht nach einem besseren Leben, aber vergesst nie, dass ihr berufen seid, hier zu sein, zurückzukommen, wenn es wieder sicherer ist, und dass ihr das Land hier gestalten könnt. Das ist unsere Botschaft an die Menschen im Moment.
Mein eigener Bruder lebt und arbeitet aktuell in Saudi Arabien, aber er hat die Verbindung zum Land und zur Familie nicht verloren. Er baut gerade ein Haus und bereitet sich darauf vor, eines Tages zurückzukommen. Das machen viele junge Menschen hier gerade so: Sie gehen ins Ausland, um zu arbeiten, und nutzen das Geld, was sie dort verdienen, um sich in Palästina ein neues Haus zu bauen und so die Verbindung zu ihren Familien nicht zu verlieren.
Und Sie müssen wissen: Die meisten Menschen, die ins Ausland gehen, behalten ihre Registrierung und Mitgliedschaft in der Kirche, ganz egal, wohin sie gehen. Viele von ihnen kommen wieder, um zu heiraten oder ihre Kinder taufen zu lassen. Insbesondere durch die Livestreams unserer Gottesdienste bleibt das Verbundenheitsgefühl größer. Natürlich haben sie das Recht, zu gehen und sich ein besseres Leben aufzubauen, aber sie dürfen nie vergessen, dass wir eine Botschaft haben, und die Menschen wissen, dass wir Teil des Friedens sein werden, der über dieses Land kommen wird. Aber wir hoffen nicht nur auf Frieden, wir setzen uns aktiv dafür ein. Das ist unsere Berufung.
Sie bitten sie, zurückzukommen und Häuser zu bauen, aber das wird für Palästinenserinnen und Palästinenser doch zunehmend schwierig?
Das stimmt, aber es Teil unserer Hoffnung. Das ist kein Wunschdenken oder einfach nur ein Traum. Vielmehr ist genau das die Arbeit, der wir uns stellen müssen, um hier eine Zukunft aufzubauen. Wenn wir Gott um Frieden bitten, bleiben wir nicht einfach untätig und warten auf eine Antwort. Wir hoffen nicht einfach nur, dass sich die Dinge ändern werden, sondern wir vertrauen darauf, dass Gott uns aufruft, in die Welt hinauszugehen und den Wandel zu bewirken, den wir uns wünschen. Es bedeutet, dass wir heute anfangen zu bauen, damit wir bereit sind, hier zu leben, sobald es besser wird.
Es ist sehr schwer, mit der Besatzung zu leben. Es ist sehr schwer, umgeben von Mauern, Checkpoints und in einer schlechten Wirtschaftslage zu leben. Aufgrund der Straßensperren können viele palästinensische Menschen nicht zu ihren Arbeitsplätzen gelangen, haben keine Möglichkeit, Geld zu verdienen, um Nahrungsmittel oder Medikamente zu kaufen oder die Schulgebühren zu bezahlen. Daher hilft die Kirche, wo sie kann.
Ein Leben mit all diesen Herausforderungen ist schwer, aber noch schwieriger ist es, mit den Hindernissen im Herzen zu leben. Wenn wir anfangen zu sagen, dass man nichts mehr machen kann, werden die Kirchen vielleicht irgendwann leer sein. Ich bin nicht naiv, aber ich hoffe und vertraue darauf, dass wir eine Rolle zu spielen haben. Gottes Verheißung gilt nicht nur für das Leben nach dem Tod, vielmehr ruft Gott uns auf, hier und heute zu leben.
Was sind Ihre Arbeitsschwerpunkte als Bischof der Kirche in Jordanien und im Heiligen Land?
Wir müssen die jungen Menschen in unserem Land animieren, sich in die Kirche einzubringen – nicht erst für die Zukunft, sondern die Kirche von heute. Wir müssen den Menschen helfen, zu verstehen, dass die Kirche keine Außenseiterin ist, keine abgetrennte Einheit innerhalb der Gesellschaft, sondern ein wesentlicher Bestandteil dieser, mit dem Auftrag, Mut zu machen und zu gestalten. Wir sind aufgerufen, in einer sehr schwierigen Situation eine prophetische Stimme zu sein. Das tun wir bereits, aber wir wollen das Gefühl der Verantwortung und Zuständigkeit ausbauen, junge Menschen, Frauen und die Kirche selbst zurüsten, wir wollen in die Gesellschaft gehen und dort aktiv sein und uns nicht hinter verschlossenen Türen verstecken.
Versuchen Sie, mit anderen christlichen Konfessionen und den Führungspersonen anderer Religionen gemeinsam auf diese Ziele hinzuarbeiten?
Wir können hier nicht allein bestehen. Wir sind eine sehr kleine Kirche und ich würde sagen, wir haben eine starke Stimme, aber bestehen können wir nicht allein. Wir sind Teil eines ökumenischen Kreises von Kirchen im Heiligen Land und ja, wir arbeiten zusammen und sensibilisieren die Menschen gemeinsam. Auch interreligiöse Beziehungen sind sehr wichtig, wenn die Umstände es zulassen. Früher gab es mal einen Trialog unter christlichen, muslimischen und jüdischen Gläubigen, aber das ist heute sehr viel schwieriger, daher ist es eher ein Dialog mit unseren muslimischen Brüdern und Schwestern. Ich würde sagen, es gibt gute Ansätze für einen Dialog zwischen den drei Religionen, aber ehrlich gesagt hat das derzeit keine Priorität. Unsere Priorität ist, uns um Gerechtigkeit für unser Volk zu bemühen.
Leider wird Religion in unserer Region als Teil des Problems verstanden, daher müssen wir daran arbeiten, Religion stattdessen zu einem Teil der Lösung zu machen. Ich versuche, zwischen interreligiösen Dialogen und Dialogen zwischen Glaubensgemeinschaften zu unterscheiden, denn ich bin überzeugt, dass unser Glaube Teil der Lösung sein muss. Wenn wir ausgehend von unserem Glauben miteinander sprechen, unserer Überzeugung, dass Gott uns alle gleich geschaffen hat, können wir uns verständigen, einander akzeptieren und respektieren. Wenn aber unsere verschiedenen religiösen Regeln, Strategien und Grenzen Grundlage für unsere Gespräche sind, werden wir unterschiedlicher Meinung bleiben und keinen Ausweg finden.
Letzte Frage: Was bedeutet es für Sie und Ihre Kirche im Heiligen Land, Teil der weltweiten lutherischen Kirchengemeinschaft zu sein?
Ich stelle mich immer als Araber, Palästinenser, Christ und Lutheraner vor; all das gehört zu mir, all das bin ich und ich kann nichts davon ablegen. Dass ich palästinensischer Christ bin, lässt sich nicht von der Tatsache trennen, dass ich Lutheraner bin. Vielmehr erweitert es mein Identitätsgefühl und hilft mir dabei, den Glauben der Menschen zu verstehen, in deren Mitte ich groß geworden bin, aber es hilft mir auch, meine lutherischen Geschwister aus Lateinamerika oder Südafrika zu verstehen.
Es bedeutet, dass wir Teil eines Leibes sind, aber unterschiedliche Rollen und Aufgaben haben. Es stärkt meine Identität, statt sie zu schwächen. Ich trage meine arabische, palästinensische Identität bei und werde bereichert durch die lutherische Identität all meiner afrikanischen, asiatischen, europäischen und amerikanischen Geschwister.