Guyana: Gottgegebene Gaben als nicht-ordinierte Führungsperson

13 Aug 2026

Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Gemeinschaft“ erzählt Michael Ram von seinem persönlichen Glaubensweg, wie er sich von einem schüchternen Teenager zu einer nicht-ordinierten Führungsperson in seiner lateinamerikanischen Kirche entwickelt hat. 

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Michael Ram ist Schatzmeister der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Guyana und Vorsitzender des LWB-Finanzausschusses. Foto: LWB/Albin Hillert

Michael Ram ist Schatzmeister der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Guyana und Vorsitzender des LWB-Finanzausschusses. Foto: LWB/Albin Hillert

Michael Ram, Schatzmeister der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Guyana 

(LWI) – Alles begann mit einem Bild von Martin Luther zum Ausmalen, das ein schüchterner kleiner Junge in einer Kirche vor den Toren Georgetowns, der Hauptstadt von Guyana, mit nach Hause nahm, um es auszumalen. Er achtete dabei ganz genau darauf, nicht über die Linien hinauszumalen. In der folgenden Woche nahm der Junge sein Bild voller Stolz wieder mit in die Kirche, um es der Kindergottesdienstleiterin zu zeigen, die ihn hinten in der Kirche hatte sitzen sehen und ihn eingeladen hatte, in ihrer Gruppe mitzumachen. 

Heute lebt Michael – Freunde und Familie nennen ihn nur Davy – Ram mit seiner Frau und seinem Schwiegervater immer noch in der Nähe derselben Kirche, in der er die Grundlagen des lutherischen Glaubens gelernt und an das ehrenamtliche Führungswirken auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene herangeführt wurde. Er studierte Mathematik und Naturwissenschaften, während ein weiterführendes Studium am Canadian Institute of Bankers ihn auf eine Karriere vorbereitete, an deren Höhepunkt er als Abteilungsleiter für Unternehmensrisiken bei der Republic Bank of Guyana arbeitete.  

Neben seiner beruflichen Tätigkeit war er zunächst im Kirchenvorstand seiner Gemeinde tätig, später als Mitglied des nationalen Exekutivrats der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Guyana. Über ein Jahrzehnt lang bekleidet er zudem Führungsämter im Lutherischen Weltbund (LWB) und ist als Mitglied des LWB-Rats und des LWB-Exekutivkomitees derzeit Vorsitzender des Finanzausschusses.  

Können Sie uns erzählen, wann und in welchem Zusammenhang Sie als kleiner Junge begonnen haben, in die Kirche zu kommen? 

Gerne. Wir wohnten nur etwa 500 Meter von der örtlichen Kirche am Stadtrand von Georgetown entfernt. Meine Mutter war lutherisch, ging allerdings nicht sehr oft in die Kirche. Wenn sie aber hinging, nahm sie mich mit. Eines Tages schickte sie mich alleine vor, weil sie noch ein paar Lebensmittel einkaufen wollte, und sagte, ich solle hinten in der Kirche auf sie warten. 

Ich setzte mich also in die letzte Bank und wartete. Da kam eine Gruppe von Kindern mit einer Frau, die den Kindergottesdienst leitete. Die kam zu mir und fragte mich, ob ich nicht mitmachen wolle. Ich sagte nein, aber sie überredete mich behutsam. Ich erinnere mich noch genau, dass es der Reformationssonntag gewesen muss, denn sie gab mir ein Bild von Martin Luther zum Ausmalen. Weil ich nicht fertig wurde, fragte ich, ob ich es mit nach Hause nehmen und in der nächsten Woche wieder mitbringen dürfe. Natürlich ging es am Sonntag drauf um ein ganz anderes Thema, aber die Frau war sehr nett und weckte in mir ein solches Interesse, dass ich keinen Kindergottesdienst mehr verpassen wollte. Das war der Beginn meines persönlichen Glaubensweges. 

Hättest du dir damals vorstellen können, einmal eine Führungsrolle in der Kirche zu übernehmen? 

Nein, absolut nicht! Ich war als Teenager sehr schüchtern und dachte nicht, dass ich irgendwelche Begabungen hätte, von denen andere in der Kirche etwas hätten. Aber als ich für den Kindergottesdienst zu alt wurde, ging ich in den Konfirmationsunterricht, den ein hervorragender Pastor leitete. Pfr. Samuel Pillay brachte mir bei, an mich selbst zu glauben. Er sagte mir, dass alle Menschen eine Gabe hätten, die Gott ihnen gegeben habe, auch wenn wir sie nicht immer gleich erkennen. Noch heute weiß ich genau, dass er Gnade als „Liebe und Güte Gottes“ definierte, „die man nicht verdienen muss“. 

Nach und nach gewann ich mehr Selbstvertrauen, habe mich mit 17 in den Kirchenvorstand meiner Gemeinde wählen lassen und wurde zwei Jahre später gebeten, die Jugendgruppe zu leiten. In der Kirche habe ich gelernt, vor Publikum zu sprechen und in verschiedenen Situationen angemessen zu reagieren. Für mich ist die Kirche ein sicherer Ort, an dem man sich weiterentwickeln und lernen kann – auch wenn man dabei vielleicht hin und wieder mal Fehler macht. Ich arbeite inzwischen seit 35 Jahren bei der Bank in Guyana und profitiere immer noch von den Fähigkeiten, die ich mir damals in der Kirche aneignen konnte. 

Was waren die wichtigsten Erfahrungen und Erlebnisse in dieser Zeit, an die Sie sich noch erinnern können? 

1995 nahm ich an einem internationalen Programm der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika für Leitungspersonen von Jugendlagern teil. Es war das erste Mal überhaupt, dass ich in ein anderes Land gereist bin. Wir haben uns zunächst alle für ein intensives Orientierungsseminar in New York City getroffen und wurden dann für zehn Wochen in verschiedene Bundesstaaten geschickt, um in Jugendcamps zu helfen.  

Das war mein erster richtiger Einblick in Führungsaufgaben, denn mir wurde bewusst, dass die Kinder dort wirklich bereit waren, auf mich zu hören. Fehlverhalten habe ich nicht toleriert und ich führte ein strenges Regiment. Und trotzdem habe ich erlebt, wie sehr sich die Kinder nach echter Verbundenheit sehnten. Mir wurde klar, dass ich sehr viel zu geben hatte, und so machte ich mir in diesen Wochen immer wieder Notizen, was ich von den Erfahrungen dort in meiner Heimatgemeinde würde nutzen können. 

Was haben Sie in dieser Zeit gelernt, das Sie später auch in Ihrer eigenen Gemeinde in Guyana nutzen konnten? 

Ich habe unter anderem Veranstaltungen für Kinder ins Leben gerufen, für die verschiedene Kindergottesdienstgruppen zusammenkamen. Das war so erfolgreich, dass ich gebeten wurde, die Jugendarbeit auf nationaler Ebene zu leiten. Ich begann, mit anderen Ideen zu experimentieren, die ich aus den USA mitgebracht hatte. Zum Beispiel hatten wir in Florida ein Gefängnis besucht und als ich wieder zu Hause war, organisierte ich einen ähnlichen Besuch in einem Gefängnis in der Nähe unserer Gemeinde. Wir haben Insassen kennengelernt und mit ihnen gesprochen – aber nicht um sie zu bekehren, sondern einfach nur um ihnen zuzuhören und ihnen Mut zu machen. 

Wir besuchten auch ein Krankenhaus, ein Rehazentrum und ein Waisenhaus. So konnten die jungen Leute Menschen und Orte kennenlernen, über die sie zuvor noch nie wirklich nachgedacht hatten. Außerdem begannen wir mit Workshops zur Weiterbildung für verschiedene kirchliche Dienste, zum Beispiel für die Leiterinnen und Leiter von Kindergottesdiensten, für Menschen, die verschiedene Aufgaben im Gottesdienst übernahmen, und für alle, die in ihren Gemeinden als Schatzmeisterin oder Schatzmeister wirkten. 

Wann haben Sie zum ersten Mal etwas mit dem LWB und der Kirche außerhalb der amerikanischen Subkontinente zu tun gehabt? 

Vom LWB hatte ich schon als Jugendlicher gehört. Jemand hatte mir damals eine Kassette mit einer Aufzeichnung von der Vollversammlung 1990 in Curitiba, Brasilien geschenkt. Das war die erste LWB-Vollversammlung in Lateinamerika. Die Tonqualität dieser Aufnahme ist mir heute noch im Ohr, aber ich fand es trotzdem toll, die Musik und die Lieder aus den verschiedenen Weltregionen zu hören.  

Mit 29 wurde ich dann in den Exekutivrat der Kirche in meinem Heimatland gewählt, und 2011 bat mich unser Kirchenpräsident, an einer LWB-Kirchenleitungskonferenz für Lateinamerika und die Karibik teilzunehmen. Sie fand in Argentinien statt, und das war mein erster wirklicher Kontakt mit der Arbeit des LWB. 

Es war alles vollkommen neu für mich, aber ich wurde gebeten, zusammen mit einem Kollegen aus Suriname eine Morgenandacht zu leiten. Im Jahr darauf bat mich der Regionalreferent des LWB, auch an der Tagung in Bolivien teilzunehmen. Zwei Jahre später starb leider meine Mutter, aber nur wenige Monate später kam ein Schreiben, in dem meine Kirchenleitung gebeten wurde, meine Nominierung für den LWB-Rat und den Exekutivausschuss als Vorsitzender des Ausschusses für Advocacy und öffentliche Verantwortung zu unterstützen. Es war eine sehr spannende Erfahrung, die Vollversammlung 2017 in Namibia vorzubereiten. 

Springen wir ins Jahr 2023. Sie haben an der 13. LWB-Vollversammlung in Krakau teilgenommen und die allererste vorbereitende Tagung der Männer mit vorbereitet, richtig? 

Ja. Ich wurde Anfang 2023 gebeten, den Vorsitz im Planungsausschuss zu übernehmen und so habe ich intensiv mit dem LWB-Büro der Kirchengemeinschaft zusammengearbeitet, um diese vorbereitende Tagung zu organisieren. Sie war eine neue Initiative, daher wussten wir nicht wirklich, was auf uns zukommen würde. Aber das Ziel war, Männern in ihrem Engagement für die Gestaltung der Kirchen in ihren Heimatländern und auch zum Beispiel für ihr Engagement im Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt und Diskriminierung neue Impulse zu geben. 

Ist das auch in Ihrem eigenen Heimatland ein wichtiges Thema? 

Ja. Häusliche Gewalt ist ein großes Problem und auch Frauenmorde, auch wenn ich die genauen Zahlen nicht kenne. Wir haben eine sehr traditionell geprägte Kultur und unsere Vorfahren kamen aus Indien und Afrika, wo Männer nach wie vor viele Bereichen der Gesellschaft dominieren. Auch wenn sich die Welt in schnellem Tempo verändert, sehen sich viele Männer immer noch als die Verantwortlichen. Ich weiß, dass manche Männer in der Wirtschaft und anderen Bereichen Frauen in Führungspositionen immer noch nicht akzeptieren, aber ich bin überzeugt, dass die Kirche schon viel dazu beigetragen hat, ein neues Verständnis von Gleichberechtigung zu vermitteln. Das wird eines der zentralen Themen auf der nächsten Tagung von Männern in Guyana sein.

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Michael Ram in dem rosafarbenen T-Shirt, das für die erste Männerkonferenz in seiner Kirche entworfen wurden. Foto: LWB/Albin Hillert

Michael Ram in dem rosafarbenen T-Shirt, das für die erste Männerkonferenz in seiner Kirche entworfen wurden. Foto: LWB/Albin Hillert

Sie haben letztes Jahr die erste Tagung nur für Männer in Ihrer Kirche organisiert, nicht wahr? 

Ja. Nach den Erfahrungen auf der vorbereitenden Tagung der Männer zur LWB-Vorversammlung in Krakau habe ich einen Bericht für meine Kirche verfasst. Unsere Präsidentin, Pfarrerin Sandra Kurtzious-Vieira, bat mich daraufhin, eine ähnliche Tagung für die Männer in unserer Kirche zu organisieren. Das war keine kleine Aufgabe, denn ich wusste, dass viele Männer älter sind als ich, und ich war mir nicht sicher, wie sie eine solche Einladung aufnehmen würden. 

Ich habe jeweils einen Mann aus allen 13 Gemeinden unserer Kirche kontaktiert, um mich nach ihrer Sicht der Dinge zu erkundigen. Wir haben verschiedene Ideen diskutiert und uns schließlich für das Thema „männliche Identität“ entschieden. Die Frauen waren natürlich neugierig, was wir vorhatten, also luden wir sie ein, am Eröffnungsgottesdienst teilzunehmen. Aber für das restliche Programm der Tagung sollte die Männer unter sich sein, damit die Tagung ihnen einen Raum bieten kann, in dem sie sich sicher fühlen und offen über ihre Gefühle sprechen können. Zum Gottesdienst kamen 120 Menschen und an der ersten Männerkonferenz im Oktober letzten Jahres nahmen 80 Männer teil. 

Alle Teilnehmer trugen dabei auffällige rosafarbene T-Shirts, richtig? 

Richtig! Es gibt diesen Spruch „Echte Männer tragen Rosa“ und wir wollten uns ja mit den Themen Stärke und Verletzlichkeit beschäftigen. Das war ein großer Erfolg! Viele Männer hatten das Gefühl, wirklich offen über ihre Sorgen und ihre Glaubenserfahrungen sprechen zu können. Im Mai dieses Jahres haben wir eine weitere Konferenz organisiert. Dabei ging es um das Thema Dienst und Dienen. Nach den Vorträgen am Vormittag hatte ich einen Teil der Teilnehmenden gebeten, einfache Care-Pakete für Menschen im Krankenhaus vorzubereiten, und andere sollte kleine Lebensmittelpakete für Menschen zusammenstellen, die auf der Straße leben. 

Auch hier hatte ich keine Ahnung, wie die Teilnehmenden auf eine solche Bitte reagieren würden. Aber die Reaktion aus den Gemeinden war überwältigend, und die Teilnehmer bezeichneten die Besuche als den Höhepunkt ihres Tages. Einige Männer, die sich beim ersten Mal noch nicht aktiv an den Diskussionen beteiligt hatten, standen auf, um das Wort zu ergreifen. Sie wollten nicht nur erzählen, wie die Menschen reagiert hatten, auf die sie zugegangen waren, sondern auch darüber, was es mit ihnen selbst gemacht hatte. Dieses aktive Dienen hatte sie offener gemacht, hatte ihnen eine neue Möglichkeit gegeben, ihren Glauben auf eine Art und Weise zum Ausdruck zu bringen, wie es unsere Gesprächsrunden nicht geschafft hatten.  

Was waren die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie durch die Organisation dieser Veranstaltungen gewonnen haben? 

Die Organisation war eine große Herausforderung, aber ich betrachte Herausforderungen immer als Chance, mich weiterzuentwickeln, meine Komfortzone zu verlassen und den Blickwinkel anderer Menschen einzunehmen. Ich zweifle immer noch oft an mir selbst, an meinen Führungsqualitäten und daran, wie effektiv ich sein kann. Wenn alles reibungslos läuft, ist es einfach, auf Autopilot zu schalten. Aber ich weiß, dass es wichtig ist, auf Gott zu vertrauen, wenn mich meine Selbstzweifel überwältigen. 

Das Wichtigste für mich war zu erleben, dass diese Männer, die zuvor noch nie irgendeine Art von Care-Arbeit geleistet hatten, mit einem Gefühl der Ermutigung und Entschlossenheit zurück in ihre Heimat fuhren und die Erfahrungen dieses Tages in ihre Gemeinden tragen und sich gegenseitig weiterhin animieren wollten, ähnliche Initiativen in ihrem lokalen Umfeld zu organisieren. 

LWB/P. Hitchen
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Guyana
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