Deutschland: Eine Reise zu immer neuen Horizonten
Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Kirchengemeinschaft“ erzählt Helena Radisch (geborene Funk) von der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens von einem Freiwilligen-Einsatz in Tansania, der ihr Leben verändert hat, und ihrem Weg in die Leitungsebene ihrer Kirche, wo sie als Referentin für ökumenische Beziehungen und Partnerschaften weltweit tätig ist.
Helena Radish (geborene Funk), Referentin für Ökumenische Beziehungen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Foto: LWB/A. Hillert
Helena Radisch, Referentin für Ökumenische Beziehungen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens
(LWI) – Bei einem Besuch in der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé mit Schulfreundinnen spürte Helena Radisch (geborene Funk) erstmals die Verbundenheit mit der weltweiten Kirche, die sich aus vielen verschiedenen Konfessionen zusammensetzt. Ein späterer Auslandsaufenthalt in Tansania und ein Jahr Freiwilligendienst in einem Dorf am Fuße des mächtigen Kilimandscharo haben dann in ihr den Wunsch gefestigt, Menschen aus anderen Kontexten und Lebensumständen kennenzulernen und mehr über den eigenen lutherischen Glauben zu erfahren.
Heute ist Helena Radisch Referentin für Ökumenische Beziehungen der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens und als solche zuständig für die internationalen Partnerschaften und die ökumenische Arbeit ihrer Kirche auf regionaler und lokaler Ebene. Sie hat sowohl Theologie als auch Sozialwissenschaften studiert, aber auch nachhaltige Entwicklung und wirtschaftliche Gerechtigkeit sind ihr sehr wichtig und sie setzt sich mit viel Engagement für eine größere Teilhabe junger Menschen im Leben der Kirche ein.
Neben ihrer Arbeit und ihrem Familienleben mit Baby ist sie Mitglied in der Arbeitsgruppe des Lutherischen Weltbundes (LWB) zur Erarbeitung eines Rahmenkonzepts für die Mitgliedskirchen für deren gegenseitige Verantwortlichkeit (Mutual Responsibility Framework) und engagiert sich seit Langem im weltweiten Jugendnetzwerk des LWB. Sie hat an den letzten beiden LWB-Vollversammlungen in Namibia und Polen teilgenommen und ist überzeugt, dass sie die Chancen, die sich ihr in ihrem Leben geboten haben, und ihre Erfahrungen nutzen sollte, um andere junge Menschen in der Kirche zu beraten und zu unterstützen.
Helena, können Sie uns zunächst etwas über Ihren familiären Hintergrund erzählen?
Ich bin mit meiner Mutter, meinem Vater und meinen beiden Brüdern auf dem Land in Deutschland aufgewachsen. Meine Eltern arbeiteten beide in der Diakonie und obwohl wir nicht jeden Sonntag in die Kirche gegangen sind, haben die christlichen Werte mein Leben geprägt. Für mich war es zum Beispiel ganz normal, dass ich in die Jugendgruppe unserer Gemeinde gegangen bin, dass ich dort eine Teamer-Ausbildung gemacht und mich im Kindergottesdienst engagiert habe.
Sie sind recht klassisch nach lutherischem Glauben erzogen worden. Woher kommt Ihre Leidenschaft für die Ökumene?
Unser Pastor hat uns im Konfirmationsunterricht von der Taizé-Gemeinschaft in Frankreich erzählt. Ich fand das sehr spannend und bin deshalb mit ein paar Freundinnen einige Jahre lang immer wieder dorthin gefahren. Ich fand es sehr bereichernd: Der Austausch mit Menschen aus so vielen verschiedenen Ländern, die gemeinsamen Bibelarbeiten, das Geben und Nehmen hat mein Verständnis vom Glauben stark beeinflusst.
Eine weitere prägende Erfahrung für mich war, als die Diakonin, die für die Jugendarbeit in meiner Heimatregion zuständig war, eine Partnerschaft mit der Kirche in Tansania begründete und mich fragte, ob ich mitmachen wolle. Mein Auslandsaufenthalt dort war so bereichernd, dass ich beschloss, nach dem Schulabschluss für ein Jahr nach Tansania zu gehen und dort einen Freiwilligendienst zu absolvieren. Ich lebte damals in einer lutherischen Gemeinde. Das hat meinen persönlichen Glauben stark beeinflusst und mir die Chance gegeben, von den Menschen dort zu lernen.
Mögen Sie uns von diesem Auslandsaufenthalt erzählen und inwiefern er Ihr Leben beeinflusst hat?
Das hat er wirklich. Ich habe mit einer Diakonissin zusammengearbeitet, die Kinder unterstützt hat, die ihre Eltern verloren hatten, damit diese in ihren Gemeinwesen bleiben können. Sie hat dafür Projekte unterstützt, die den Kindern ein kleines Einkommen generierten, oder hat ihnen die Krankenversicherung finanziert, damit sich die Nachbarn oder Großeltern um die Waisen kümmern können. Besonders toll fand ich an dem Projekt, dass es allein von Tansanierinnen und Tansaniern betrieben wurde. Wir konnten uns dort anschauen, wie diese Menschen arbeiteten und konnten in Deutschland darüber Bericht erstatten.
Ich habe bei einer Gastfamilie vor Ort in einem kleinen Dorf in der Nähe von Moshi am Südhang des Kilimandscharo gelebt, wo viel Kaffee und Bananen angebaut werden. Eine junge Frau, mit der ich mich angefreundet hatte, fragte mich irgendwann, ob ich nicht in ihrem Kirchenchor mitsingen wollte. Das wurde zu einem wichtigen Teil meiner Erfahrungen dort. Sie haben mir Trompete spielen beigebracht und als Teil des örtlichen Chores war ich fast jeden Tag in der Kirche. Ich habe festgestellt, dass die Kirche genau der richtige Ort war, um neue Leute kennenzulernen, und es hat mir sehr viel Freue gemacht, Teil dieser Gemeinschaft zu werden.
Nach meiner Rückkehr nach Deutschland habe ich angefangen, Wirtschaft und internationale Beziehungen zu studieren, und zufällig habe ich irgendwann erfahren, dass man an meiner Uni auch Suaheli lernen konnte und dass es einen Chor gibt, der auf Suaheli singt. Da wollte ich natürlich unbedingt mitmachen. Schon nach kurzer Zeit wurde ich zu einer der Chorleiterinnen, was mir mit meinem Suaheli wirklich geholfen hat und der Grund war, dass ich meine Studienfächer geändert habe: Ich wollte Afrikanistik und Entwicklungsstudien studieren – immer noch mit einem wirtschaftlichen Schwerpunkt, aber so konnten auch meine Erfahrungen aus Tansania einfließen.
Ungefähr zu dieser Zeit hatten Sie auch erstmals Kontakt zum LWB, nicht wahr?
Richtig, und zwar über die Diakonin, die schon früher meinen Kontakt nach Tansania hergestellt hatte. Sie rief mich eines Tag an und sagte: ‚Ich habe zwar keine Ahnung, was genau der LWB ist, aber sie suchen nach einer Jugenddelegierten für die nächste Vollversammlung in Namibia – darf ich dich vorschlagen?‘
Ich begann, mich mit anderen deutschen Jugenddelegierten über den LWB zu informieren, mich auf die Vollversammlung vorzubereiten und mir Gedanken über die vielen verschiedenen Themen zu machen, die bei der Vollversammlung diskutiert werden sollten. Weil ich dabei immer mehr über meine eigene lutherische Identität erfuhr, beschloss ich schließlich, nach meinem Bachelor-Abschluss in Afrikanistik Theologie zu studieren.
Was ist Ihnen von dieser Vollversammlung 2017 in Namibia am meisten in Erinnerung geblieben?
Es war eine großartige Erfahrung, dort auf Menschen aus aller Welt zu stoßen, auf Bischöfinnen und Bischöfe, aber auch junge Erwachsene. Vor allem in den Dorfgruppen kamen wir alle aus unterschiedlichen Ländern, waren unterschiedlich alt, verschiedenen Geschlechts und hatten unterschiedliche religiöse Wurzeln und doch hatte ich das Gefühl, dass wir alle gleich behandelt wurden. Es war eine einzigartige Erfahrung, mit Bischöfinnen und Bischöfen zu sprechen und dabei das Gefühl zu haben, dass meine Meinung von Bedeutung war, dass die Menschen wirklich hören wollten, was ich zu sagen hatte.
Diese Erfahrung hat mir den Mut gegeben, mich auch in meiner Heimatgemeinde in Deutschland mehr zu Wort zu melden. Auch wenn die kirchlichen Strukturen natürlich andere sind, hatte ich das Gefühl, dass ich, wenn die Menschen auf der Vollversammlung meine Meinung hören wollten, auch hier etwas würde beitragen können und dass ich meine Stimme nutzen sollte.
Haben Sie das Gefühl, dass die Stimmen von jungen Menschen im LWB immer noch zählen und gehört werden?
Das ist eine gute Frage. Ich persönlich habe das Gefühl, dass ich meinen Weg seit der Vollversammlung fortsetzen konnte und dass meine Stimme zählt, ja. Ich habe in Namibia zum Beispiel über nachhaltige Entwicklung und Klimagerechtigkeit gesprochen, weil mir diese Themen sehr wichtig sind. Und weil ich das dort getan habe, wurde ich später gefragt, ob ich nicht als LWB-Delegierte zu den COP-Klimakonferenzen in Bonn, Deutschland, und Katowice, Polen, fahren wolle.
Nach meinem Studium habe ich begonnen, für den Kirchlichen Entwicklungshilfedienst meiner Kirche zu arbeiten, und kurze Zeit später ist mein Chef in Rente gegangen. Man hat mich dann sehr ermutigt, mich auf diese Stelle zu bewerben. So wurde ich mit gerade einmal 30 Jahren Ökumene-Referentin und habe es als sehr ermutigendes Zeichen empfunden, dass meine Kirche junge Menschen fördert und sich damit offen zeigt für Wandel und neue Ideen.
Wenn ich allerdings auf die weltweite Kirche schaue, macht es mich sehr traurig, dass es so wenig junge Menschen in Positionen mit Führungsverantwortung gibt und dass es viele Strukturen gibt, die verhindern, dass ihre Stimmen gehört werden. Ich habe den Eindruck, dass die Erfahrungen, die ich mit dem LWB gemacht habe, noch nicht in den Gemeinden und Kirchen angekommen sind, und dass es also noch ein langer Weg ist, bis junge Erwachsene wirklich einbezogen und ihre Stimmen auch auf den oberen Führungsebenen gehört werden.
Haben Sie Vorschläge, wie die Teilhabe von jungen Erwachsenen verbessert werden kann?
Als ich Jugenddelegierte war, habe ich mich sehr nachdrücklich für die Jugendquote ausgesprochen, da ich das Gefühl hatte, dass ich den LWB ohne diese 20 Prozent-Quote wahrscheinlich nicht kennengelernt und meine Stimme nicht gefunden hätte. Mein Traum ist, dass wir diese Quoten für die Teilhabe junger Menschen oder die Teilhabe von Frauen irgendwann nicht mehr brauchen, aber aktuell sind sie in meinen Augen von zentraler Bedeutung, um junge Menschen in bestimmte Strukturen der Kirchen und die Synoden zu holen.
Sie haben gesagt, dass Sie Teil der LWB-Delegation bei den UN-Klimakonferenzen in Deutschland und Polen waren. Was haben Sie aus diesen Erfahrungen gelernt?
Ich habe vor allem viel über Advocacyarbeit gelernt und viel darüber gelernt, was es heißt, Teil der ökumenischen Bewegung zu sein. Ich fand es toll, dass wir nicht nur als lutherische Gläubige da waren, sondern zusammen mit Angehörigen anderer christlicher Konfessionen, als Teil der ACT Alliance und oftmals auch in Partnerschaft mit Menschen anderer Religionen. Ich fand es großartig, zu sehen, dass alle Religionen an der Bewahrung der Schöpfung mitwirken, sich für Umweltschutz einsetzen und dass das etwas ist, was uns wirklich verbindet. Wenn wir uns tatsächlich darauf konzentrieren, zusammenzuarbeiten, haben wir eine kräftigere Stimme. Zudem ist das auch für die Friedenskonsolidierung sehr hilfreich.
Zurück in Leipzig, wo ich damals studierte, habe ich eine Bewegung „Churches for Future“ ins Leben gerufen, in Anlehnung an die „Fridays for Future“-Bewegung. Bei der Vollversammlung in Krakau gehörte ich zum Kernteam, das die Klima-Demo organisiert hat – und auch das ist darauf zurückzuführen, was ich bei den Klimakonferenzen gelernt hatte: Nämlich dass man wirksame Bilder erzeugen muss und sich strategisch in den Medien platzieren muss, um eine Botschaft zu senden.
Erzählen Sie uns kurz von Ihrer Arbeit heute?
Ich bin Ökumene-Referentin meiner Kirche, das heißt, ich bin für den Kontakt zu den anderen christlichen Kirchen in unserer Region zuständig. Ein zweiter Teil meiner Arbeit ist der Kontakt mit unseren Partnern in aller Welt, insbesondere in Osteuropa, aber auch in Tansania, Indien, Schweden, den Niederlanden, Dänemark, den USA und weiteren Ländern. Ich unterstütze Partnerschaften und die Entwicklung neuer Ideen auf Gemeindeebene. Drittens setze ich mich in unseren Gemeinden und meiner eigenen Kirche für ökumenische Zusammenarbeit ein. In meiner Kirche gibt es auch ein Referat, das sich mit den Themen Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung beschäftigt; mit den Kolleginnen und Kollegen dort arbeite ich eng zusammen, um auch diese Themen voranzubringen.
Ist das Interesse an ökumenischer Zusammenarbeit auf lokaler Ebene in Ihrem Heimatland groß?
Ich glaube, es hat ein Generationenwechsel stattgefunden, und viele junge Menschen gehen nach der Schule für ein Jahr ins Ausland. Genau dort können wir anknüpfen und mit ihnen über die Partnerschaften sprechen, die wir als Kirche haben. Oftmals werden diese Partnerschaftsprogramme aber von älteren Menschen geleitet, die sich seit vielen Jahren in diesem Bereich engagieren. Man muss also Möglichkeiten und Wege finden, die Menschen zusammenzubringen und zu schauen, wie die neuen Arten der Kommunikation – soziale Medien zum Beispiel – neue Perspektiven einbringen können. Ich bin überzeugt, dass es da ein großes Potenzial gibt, wenn wir eine solche generationenübergreifende Zusammenarbeit nutzen würden und offen dafür bleiben, internationale Partnerschaften auf neue Art und Weise zu schmieden.
Machen Sie sich allgemein Sorgen über den wachsenden Säkularismus in Ihrem Land und die Tatsache, dass immer weniger junge Menschen in die Kirche kommen?
Der Säkularismus ist hier im Osten Deutschlands ein sehr wichtiges Thema, weil wir schon immer weniger Mitglieder hatten und immer mehr Menschen den Kontakt zur Kirche verlieren, ja. Man macht sich Sorgen über die sinkenden Finanzmittel, rückläufige Personalzahlen, über kleiner werdende Gemeinden.
Aber ich habe das Gefühl, dass wir uns mehr auf die Ökumene und die weltweiten Perspektiven konzentrieren sollten und weniger auf die sinkenden Mitgliederzahlen unserer Gemeinden. In meinem Verständnis besteht meine Arbeit darin, den Menschen zu sagen, dass sie ins Ausland schauen sollten, zu ihren Nächsten aus anderen Glaubenstraditionen, denn allein für uns können wir nicht lutherisch sein; vielmehr müssen wir dafür mit der weltweiten Gemeinschaft verbunden sein.
Es gibt Kirchen, die noch viel kleiner sind als wir, die noch viel weniger Finanzmittel zur Verfügung haben als wir – was können wir von ihnen lernen? Wie gehen sie mit den Herausforderungen um, mit denen sie konfrontiert sind, und wie können wir den Weg gemeinsam gehen? In meinen Augen ist es meine Aufgabe, Horizonte zu erweitern und die Menschen zu ermutigen, sich als Teil der Kirche und Gesellschaft insgesamt zu sehen.