Taiwan: Vier Generationen im Pfarrdienst bringen Menschen zu Gott

16 Jul 2026

Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Kirchengemeinschaft“ spricht LWB-Ratsmitglied Pfarrerin Luciller Tsao über die Freuden und Herausforderungen des kirchlichen Dienstes in der Region Ostasien.

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Pfarrerin Luciller Tsao von der Taiwanischen Lutherischen Kirche, Mitglied des LWB-Rates. Foto: LWB/Albin Hillert

Pfarrerin Luciller Tsao von der Taiwanischen Lutherischen Kirche, Mitglied des LWB-Rates. Foto: LWB/Albin Hillert

Pfarrerin Luciller Tsao von der Taiwanischen Lutherischen Kirche

(LWI) – „Ich lebe in Taiwan, aber jeden Tag hören Menschen in Festlandchina meine Stimme, und viele von ihnen finden zum Glauben an Gott.“ Seit 28 Jahren produziert und moderiert Pfarrerin Luciller Tsao täglich eine Sendung mit Bibelauslegungen für den Radiosender der Far East Broadcasting Company, der das Evangelium in 50 Ländern in mehr als 150 lokalen Sprachen verbreitet.

Als ordinierte Pfarrerin der Taiwanischen Lutherischen Kirche ist Tsao weit entfernt von der beruflichen Zukunft, die sie sich als junges Mädchen in Macau erträumt hatte: Damals wollte sie eine erfolgreiche Investorin werden. Nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaften wehrte sie sich zunächst gegen die Berufung, die sie nach einer Reise nach China mit ihrer Mutter, einer Pfarrerin, und ihrem Vater, der in der Kirchenverwaltung tätig war, spürte.

Doch diese Berufung ließ sich nicht mehr überhören. Tsao absolvierte eine theologische Ausbildung und wurde Pfarrerin in vierter Generation in ihrer Familie. Heute leitet sie gemeinsam mit ihrem Mann die Hsin-Yi-Gemeinde in Taipeh. Die Gemeinde engagiert sich aktiv für die Gründung neuer Gemeinden in Ländern in ganz Asien und darüber hinaus. Als Mitglied des Rates des Lutherischen Weltbundes (LWB) hofft sie, die Beziehungen zwischen den Gemeinden in ihrer Region und der weltweiten lutherischen Familie zu stärken.

Können Sie uns etwas über Ihren familiären Hintergrund erzählen?

Ich wurde in Shanghai geboren, bin in Macau aufgewachsen und habe in Taiwan, wo ich heute lebe, Theologie studiert. Ich bin Pfarrerin in vierter Generation, denn der Großvater meiner Mutter fand zum Glauben an Christus, nachdem er die Predigt des englischen China-Missionars James Hudson Taylor gehört hatte. Mein Urgroßvater wurde einer der ersten Pfarrer der Kirche, und später folgten mein Großvater und meine Mutter seinem Beispiel.

Woran erinnern Sie sich aus Ihrer Kindheit besonders, wenn Sie an den Dienst Ihrer Mutter denken?

Meine Mutter liebt es, das Wort Gottes zu verkünden. Sie predigte vor Menschen aus Festlandchina, die nach Macao gekommen waren, um in Fabriken zu arbeiten, in denen Kleidung, Schuhe oder Spielzeug hergestellt wurden. Sie sprach Mandarin und predigte jeden Sonntagabend auf der Straße, wo sich die Arbeiterinnen und Arbeiter versammelten, um ihr zuzuhören. Sie kam spät nach Hause, gegen Mitternacht. Ich erinnere mich, dass mein Vater mir sagte: „Wenn sie singend nach Hause kommt, bedeutet das, dass jemand zum Glauben an Gott gefunden hat!“

Sie hielt abends auch Bibelkreise, und viele Menschen – vielleicht 1.000 oder mehr – fanden dadurch zum Glauben an Gott und wurden getauft. Allerdings kehrten die meisten nach China zurück, nachdem ihre drei- oder vierjährigen Arbeitsverträge ausgelaufen waren.

Wollten Sie als Kind oder Jugendliche auch Pfarrerin werden?

Nein, ganz und gar nicht! Nach der Schule studierte ich Wirtschaftswissenschaften und träumte davon, Aktieninvestorin zu werden und gut zu verdienen. Doch eines Tages während meiner Studienzeit baten mich meine Eltern, mit ihnen auf Missionsreise nach China zu gehen. Als ich nach Macau zurückkehrte, hörte ich, dass Gott auch mich rief.

Ich erzählte niemandem davon und betete zu Gott. Ich sagte: Wenn ich eine gute Investorin werde, kann ich Geld für die Mission spenden. Ich habe wirklich mit Gott gerungen. Schließlich stimmte ich zu, die Aufnahmeprüfung am China Evangelical Seminary in Taiwan abzulegen. Ich wusste, dass man dort für eine Aufnahme drei Jahre Berufserfahrung brauchte, und war deshalb sicher, dass ich abgelehnt werden würde.

Aber Sie wurden offensichtlich doch aufgenommen?

Ja, ich war sehr überrascht, als ich den Brief öffnete. Aber mir wurde auch klar, dass ich Gottes Willen annehmen musste. Statt einen Master in Wirtschaftswissenschaften zu machen, ging ich für drei Jahre nach Taiwan, um Theologie zu studieren. Dort lernte ich meinen Mann kennen, der einer meiner Kommilitonen war.

Was haben Sie nach Ihrem Abschluss gemacht?

Ich wurde in der Taiwanischen Lutherischen Kirche ordiniert und arbeitete in unserer Gemeinde in der Hauptstadt Taipeh. Außerdem begann ich, eine tägliche Radiosendung mit dem Titel „Licht der Wahrheit“ zu produzieren und zu moderieren. Es ist eine tägliche 15-minütige Bibelarbeit. Ich mache diese Sendung seit 1998 bis heute, zunächst über Kurzwelle und heute auch im Internet. Das macht mir große Freude, und viele Menschen vom Festland schreiben mir, dass sie durch meine Sendungen zum Glauben an Gott gefunden haben.

Erzählen Sie uns von Ihrer Kirche.

In Taiwan gibt es heute sechs lutherische Kirchen, drei von ihnen sind Mitglieder des LWB. Die Taiwanische Lutherische Kirche hat fast 160 Gemeinden und Evangelisationsstationen mit rund 12.000 Mitgliedern. Mein Mann und ich leiten unsere Gemeinde gemeinsam, und unsere Vision ist es, in Ländern auf der ganzen Welt weitere Gemeinden zu gründen. Im vergangenen April haben wir eine zweite Gemeinde in Myanmar gegründet. Unsere Kirche hat bereits Gemeinden in vielen Teilen der Welt gegründet, darunter in Vietnam, Indonesien, Bangladesch, der Mongolei, Äthiopien, Togo, Thailand und den Vereinigten Staaten.

Bietet die Gemeinde auch Programme zur Unterstützung von Menschen in Taiwan an?

Ja. In meiner Gemeinde bin ich für den sozialen Dienst verantwortlich. Wir bieten in enger Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung von Taipeh Kurse für ältere Menschen an. Jede Woche organisieren wir zehn verschiedene Aktivitäten für ältere Menschen, die in der Umgebung der Kirche leben. Die meisten von ihnen sind Buddhistinnen und Buddhisten oder gehören traditionellen chinesischen Glaubensrichtungen an. Außerdem bieten wir eine Art Alpha-Kurs an, bei dem Menschen Gottes Wort hören können, wenn sie das möchten.

Wie wirkt sich die Lage in dieser Region auf Ihren Alltag und Ihren Dienst aus?

Wir haben zwar über das Internet Zugang zu Informationen, bekommen aber nicht viele direkte Nachrichten aus China. In Taiwan gibt es sehr unterschiedliche Ansichten über die Beziehungen zwischen China und Taiwan, aber viele von uns wollen sich lieber nicht auf politische Diskussionen einlassen. Manchmal sind die Spannungen schon beunruhigend. Doch wir bleiben fest darauf ausgerichtet, unseren Gemeinschaften zu dienen, das Evangelium weiterzugeben und für Frieden zu beten.

Was bedeutet es für Sie und die Menschen in Ihrer Gemeinde, Teil des LWB zu sein?

Zum ersten Mal habe ich in Macau vom LWB gehört, aber ich wusste damals nichts Genaueres darüber. Vor einigen Jahren war mein Mann, Pfarrer Fredrick Tsao, Generalsekretär unserer Kirche, und ich half bei der Korrespondenz, unter anderem auch mit dem LWB. Ich denke, wir müssen mehr über die Arbeit des LWB erfahren. Das wird dadurch etwas erschwert, dass viele Menschen hier keine besonders guten Englischkenntnisse haben. Als Ratsmitglied hoffe ich, diese Beziehungen zu stärken und mehr über die Arbeit des LWB weiterzugeben, die sehr wichtig ist.

Welche Botschaft haben Sie für Menschen in anderen Teilen der weltweiten Kirchengemeinschaft?

Folgt einfach eurem Herzen, und Gott wird euer Handeln segnen. Während der letzten Ratssitzung wusste ich, dass ein 98-jähriges Mitglied unserer Gemeinde schwer erkrankt war und in Taipeh im Krankenhaus lag. Ich spürte tief in mir, dass ich ihn kontaktieren sollte. Also rief ich ihn in einer Pause zwischen den Sitzungen an. Seine Tochter ging ans Telefon und sagte, sein Blutdruck sei so niedrig, dass er möglicherweise nicht mehr reagieren würde. Aber ich bat sie, ihm das Telefon ans Ohr zu halten, und ich betete für ihn. Später an diesem Tag erfuhr ich, dass er wenige Minuten nach unserem Anruf verstorben war.

Obwohl ich traurig war, nicht bei ihm sein zu können, war ich froh, dass ich meinem Herzen gefolgt bin, und ich weiß, dass Gott unser Handeln segnet. Das möchte ich anderen sagen: Wo auch immer wir zusammenkommen und von wem auch immer wir weit entfernt sind – Gott ruft uns immer wieder dazu auf, mit den Menschen in Verbindung zu bleiben, die wir lieben und denen wir dienen, ob nah oder fern.

LWB/P. Hitchen
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Taiwan
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