Österreich: Leidenschaftlich engagiert für Ökumene, Bildung und interreligiöse Beziehungen

Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Kirchengemeinschaft“ berichtet Superintendent Pfr. Olivier Dantine von seinen Erfahrungen im Zusammenhang mit ökumenischen und interreligiösen Beziehungen.

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Pfr. Olivier Dantine, Superintendent für Salzburg und Tirol in der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Österreich. Foto: LWB/Albin Hillert

Pfr. Olivier Dantine, Superintendent für Salzburg und Tirol in der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Österreich. Foto: LWB/Albin Hillert

Pfr. Olivier Dantine, Superintendent in der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Österreich

(LWI) – Pfr. Olivier Dantine leitet eine der sieben Diözesen einer kleinen Kirche im Herzen Europas. Nicht vor allem das Studium in Wien, Berlin und Jerusalem, sondern seine Erlebnisse im Heiligen Land haben seine Theologie und sein leidenschaftliches Engagement für jüdisch-christliche Beziehungen geprägt. Heute versucht er diese Leidenschaft und seine theologischen Erkenntnisse als Gemeindepfarrer, als Führungskraft in seiner Kirche und als Mitglied im Rat des Lutherischen Weltbundes (LWB) weiterzugeben.

Sein offizieller Titel lautet Superintendent für Salzburg und Tirol, was in etwa einem Regionalbischof für den westlichen Teil der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Österreich entspricht. Die Geschichte dieser Kirche im Herzen Europas war viele Jahrhunderte von Verfolgung und Vertreibungen geprägt, sie hat aber auch ein komplexes Verhältnis zu ihrer jüngeren Vergangenheit während des Zweiten Weltkriegs.

Dantine ist verheiratet und hat einen Sohn im Teenageralter. Wenn er nicht gerade mit seinen zahlreichen Aufgaben als Gemeindepfarrer oder seinen Aufgaben auf Diözesanebene beschäftigt ist, geht er gerne in den Bergen wandern, liest Kriminalromane und lernt Fagott spielen. Während der jüngsten LWB-Ratstagung hat er mit uns über seine Gedanken zu den Themen Ökumene, Bildung und interreligiöse Beziehungen in seinem Heimatland gesprochen.

Können Sie uns kurz ein aktuelles Bild Ihrer Kirche skizzieren?

Die Mehrheit der Bevölkerung in Österreich – zwischen 60 und 70 Prozent – gehört der katholischen Kirche an und nur etwa drei Prozent der Menschen sind Mitglied in den evangelischen Kirchen. Je nach Region sind die konkreten Zahlen etwas unterschiedlich, aber unter den evangelischen Gläubigen bilden lutherische Gläubige außer ganz im Westen Richtung Schweizer Grenze die Mehrheit; dort ganz im Westen gehört die Mehrheit eher zur reformierten Kirche.

Wir haben eine bewegte Geschichte, die bis in die Zeit der Reformation zurückreicht. Einige Gemeinden haben die Gegenreformation überlebt, in anderen Gegenden wurden evangelische Gläubige vertrieben oder in den Untergrund gezwungen. Nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir viele Flüchtlinge aufgenommen und in der jüngeren Vergangenheit haben sich infolge der Konflikte in Syrien und im Irak viele Menschen aus Ländern im Nahen Osten bei uns niedergelassen, von denen sich einige auch haben taufen lassen. Somit gibt es in unserer Kirche nun eine große Vielfalt von Menschen auch nichteuropäischer Herkunft.

Mögen Sie uns kurz erzählen, wie Ihr persönliches Verhältnis zur Kirche entstanden ist und sich entwickelt hat?

Gerne. Mein Vater war Gemeindepfarrer in Wien. Daher war ich schon früh in der Jugendarbeit der Kirche aktiv. In der Schule spielte ich mit dem Gedanken, Ingenieurwesen zu studieren. Aber je mehr ich mir die Arbeit in einem industriellen Umfeld ausmalte, desto mehr wurde mir klar, dass ich lieber mit Menschen arbeiten wollte und vor allem mit jungen Menschen.

Irgendwann musste ich ein Referat über [Dietrich] Bonhoeffer halten und da wurde mir klar, dass mich tatsächlich das Thema Theologie und die Bedeutung des kirchlichen Engagements in der Welt interessierte. Bonhoeffer und sein Glaubenszeugnis haben mich sehr fasziniert und inspiriert.

Wo haben Sie studiert?

Ich habe zunächst in Wien, dann in Berlin und schließlich für ein Jahr an der Hebräischen Universität in Jerusalem studiert. In diesem Jahr habe ich viele jüdische Traditionen kennengelernt und sollte jüdischen Menschen immer wieder erklären, wie die Kirche funktioniert oder was genau das Abendmahl eigentlich ist. Das war nicht einfach, aber ich bin überzeugt, dass es uns allen sehr guttut, wirklich darüber nachdenken zu müssen, was unser Glaube bedeutet.

In Wien habe ich dann meinen Abschluss gemacht und anschließend einige Jahre als Vikar gearbeitet, bevor ich 2002 ordiniert wurde. Dann habe ich als Gemeinpfarrer in einem kleinen Dorf im Osten des Landes gearbeitet und wurde zehn Jahre später – 2012 – erstmals zum Superintendenten gewählt.

Sie haben bereits erwähnt, dass Sie das Judentum sehr interessiert. Können Sie uns etwas genauer erklären, wie das Ihre Arbeit heute prägt?

Gerne. Ich glaube, dass wir uns vor allem mit zwei zentralen Themen beschäftigen müssen: mit antijüdischen Haltungen und Handlungen heute und mit dem Antisemitismus in unserer Kirche in der Vergangenheit. Darüber müssen wir nachdenken und müssen auf Versöhnung hinarbeiten. Wir dürfen diesen Teil der Geschichte nie aus den Augen verlieren, wenn wir uns mit Antisemitismus beschäftigen. In einigen unserer Kirchenfenster gibt es noch immer Darstellungen von jüdischen Menschen, die verletzend sind; wirkt sich das nicht darauf aus, wie wir über die Heilige Schrift denken?

Zum Zweiten müssen wir auf gute Beziehungen mit den jüdischen Glaubensgemeinschaften in unseren Heimatländern hinarbeiten, müssen ihnen zuhören und müssen dafür sorgen, dass sie vor dem Hintergrund des immer weiter zunehmenden Antisemitismus einen sicheren Raum für sich haben.

Wie sehr besorgt Sie der zunehmende Antisemitismus in Ihrem Heimatland?

Darüber bin ich sehr besorgt und ich glaube, dass wir als christliche Gläubige eine Mitverantwortung tragen, wenn sich jüdische Menschen in unseren Ländern nicht willkommen fühlen. Es hat in den letzten 30 Jahren sehr viele Angriffe auf jüdische Institutionen und jüdische Menschen gegeben und sie sagen immer wieder, dass sie mindestens im übertragenen Sinn das Gefühl haben, auf gepackten Koffern sitzen zu müssen, um jederzeit wieder fliehen zu können.

Ich finde, wir Kirchen müssen hier Verantwortung übernehmen und an unseren Beziehungen arbeiten, damit jüdische Menschen nicht das Gefühl haben, ihren Glauben verstecken zu müssen, denn das Gefühl haben einige und tragen deshalb beispielsweise ihre Kippa nicht in der Öffentlichkeit.

Wie kann dieses Problem Ihrer Ansicht nach am besten gelöst werden?

Zum einen muss der Religionsunterricht in der Schule schon die Kinder für Antisemitismus und antimuslimische Ressentiments sensibilisieren. Schon in den Grundschulen müssen wir die Kinder auf positive Weise mit anderen Religionen vertraut machen und Synagogen und Moscheen besuchen, um den Kindern beizubringen, dass Vielfalt etwas Gutes ist.

Zum zweiten müssen wir darüber nachdenken, wie wir predigen, wie wir die Bibel verstehen, müssen unsere Liturgien anschauen, um zu prüfen, welche Gebete wir möglicherweise anpassen müssen. Und wir müssen das möglichst im Austausch mit den jüdischen Glaubensgemeinschaften tun.

Drittens müssen wir überlegen, wie wir über den Nahen Osten und den israelisch-palästinensischen Konflikt sprechen; es muss deutlich werden, dass wir über die Politik und das Handeln der israelischen Regierung sprechen. Meiner Ansicht nach wird es immer wichtiger, in einen Austausch über diese Themen zu treten.

Können Sie uns erzählen, wo Sie in dieser Arbeit bereits Erfolge erzielt haben?

Ich weiß nicht, ob man von Erfolgen sprechen kann. Ich würde es aber als positives Zeichen werten, dass die jüdische Gemeinde in Innsbruck mich jüngst eingeladen hat, einen Vortrag über das Thema „Gelobtes Land“ und dessen Bedeutung aus christlich-theologischer Perspektive zu halten. Das war keine einfache Aufgabe, aber ich glaube, es war gut, dass sie aus meinem Mund hören konnten, dass wir eine Art „doppelte Solidarität“ brauchen – Solidarität mit der jüdischen Bevölkerung und Solidarität mit den palästinensischen Christinnen und Christen. Wir fühlen den Schmerz der palästinensischen Bevölkerung, die unter dem Konflikt und Krieg zu leiden hat, aber wir können auch die Angst der jüdischen Bevölkerung nachvollziehen.

Sie haben vorhin gesagt, dass Ihre Kirche eine Minderheitskirche in einem vornehmlich katholisch geprägten Land ist. Wie würden Sie die ökumenische Zusammenarbeit in Österreich derzeit beschreiben?

Die ökumenische Zusammenarbeit ist stets ein sehr wichtiger Teil unserer Arbeit. Sie fußt auf dem Versöhnungsprozess, den katholische Bischöfe nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren angestoßen haben, um um Vergebung für die Vertreibung von evangelischen Gläubigen Mitte des 18. Jahrhunderts zu bitten. Rund 20.000 Menschen waren damals gezwungen worden, zu gehen oder ihrem Glauben abzuschwören.

Heute haben wir ein sehr gutes Verhältnis zur katholischen Kirche und arbeiten vertrauensvoll zusammen. Zum Beispiel kooperieren wir in der Krankenhausseelsorge in Innsbruck und kümmern uns gemeinsam um die Patientinnen und Patienten aus allen Religionen oder ohne Religionszugehörigkeit. Das ist auch deshalb wichtig, weil die Mittel in beiden Kirchen immer begrenzter sind. Wie in allen mitteleuropäischen Ländern schreitet auch bei uns die Säkularisierung voran und die Mitgliederzahlen gehen zurück.

Wann sind Sie das erste Mal mit dem LWB und der weltweiten lutherischen Kirchengemeinschaft in Berührung gekommen?

Kurz nach meiner Wahl zum Superintendenten wurde ich 2014 in den Planungsausschuss für die LWB-Vollversammlung 2017 in Windhuk berufen. Es war eine wunderbare Erfahrung, so viele lutherische Gläubige aus aller Welt kennenzulernen. Bei der Vollversammlung 2023 in Krakau wurde ich in den LWB-Rat gewählt und bin Mitglied in dessen Ausschuss für Advocacy und öffentliche Verantwortung.

Welche Impulse kann Ihre Kirche anderen Mitgliedern der weltweiten Kirchengemeinschaft geben?

Zusammen mit den Kirchen in Deutschland können wir meines Erachtens das Bewusstsein für unsere Geschichte und unsere komplexen Beziehungen mit der jüdischen Welt einbringen, das Bewusstsein für die Notwendigkeit, auf die Sprache in unseren Liturgien zu achten.

Außerdem können wir den Kirchen in Deutschland und andernorts, wo die Kirchen lange Zeit deutlich größer und einflussreicher waren, ein Vorbild sein, wie man mit rückläufigen Mitgliederzahlen und Finanzmitteln umgehen kann. Wir sind schon immer eine kleine Minderheit gewesen, daher können wir vielleicht ganz gut erklären, was es bedeutet, in einem solchen europäischen Kontext Kirche zu sein.

Letzte Frage: Welche Gedanken machen Sie sich mit Blick auf die nächste LWB-Vollversammlung und das Jubiläum des Augsburger Bekenntnisses?

Wir sind eine der Kirchen, die den Verweis auf das Augsburger Bekenntnis im Namen tragen. Es ist Teil unseres historischen Erbes und der Tradition der Habsburgermonarchie, aber ich hoffe, dass wir im Vorfeld des anstehenden 500-jährigen Jubiläums mehr darum bemüht sein werden, auf neue Art und Weise über seine Bedeutung in unserem heutigen Kontext nachzudenken.

Was bedeutet es konkret für uns als Kirchen, in der heutigen Welt Zeugnis für unseren Glauben abzulegen und uns einzubringen? Ich arbeite inzwischen auch wieder als Gemeindepfarrer in Kitzbühel und genieße das nach 14 Jahren in der Verwaltung sehr. Ich hoffe, dass ich meiner Gemeinde und anderen Menschen meine Überzeugung nahebringen kann, dass das Augsburger Bekenntnis nicht einfach nur Teil unseres Namens ist, sondern ein zentraler Aspekt dessen, wer wir sind und was wir tun.

LWB/P. Hitchen
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Österreich