Senegal: Neue Perspektiven für benachteiligte Frauen und Kinder dank Lese- und Schreibkompetenz
Eine kirchliche Initiative in ländlichen Gemeinwesen im Senegal erfährt Anerkennung für ihren ganzheitlichen Ansatz bei der Zurüstung von marginalisierten Erwachsenen zu mehr Selbstbestimmung und der Förderung des Rechts von Kindern auf gute Bildung.
Zugang zu hochwertiger Bildung in ländlichen Gemeinden: Schülerin in einer Vorschule der Lutherischen Kirche Senegals in Ndouf, Region Fatick. Foto: LKS/Edward Ndong
Initiative der lutherischen Kirche bringt Veränderung für Familien und ihr Umfeld
(LWI) – Als die Lutherische Kirche Senegals (LKS) 2025 ein Alphabetisierungsprojekt ins Leben rief, war ihr Ziel klar: benachteiligten Bevölkerungsgruppen in ländlichen Gebieten – Vorschulkindern und vor allem Frauen – Zugang zu guter Bildung und praktischem Wissen zu verschaffen.
Ein Jahr später nehmen bereits mehr als 200 Frauen sowie einige Männer erfolgreich an Alphabetisierungskursen für Erwachsene in einer lokalen Sprache und in der Amtssprache Französisch teil. Eine weitere Gruppe – 400 Kinder unter sechs Jahren – hat erstmals in ihrem Leben die Möglichkeit, an einem strukturierten Unterricht in der Amtssprache teilzunehmen.
Mein Leben hat sich verändert, weil ich lesen und schreiben kann, und ich verstehe jetzt, wie wichtig das ist. Deshalb ermutige ich andere Frauen in meinem Dorf, sich auch für diese Kurse anzumelden.
Marie Kama, Senegal
„Mein Leben hat sich verändert, weil ich lesen und schreiben kann, und ich verstehe jetzt, wie wichtig das ist. Deshalb ermutige ich andere Frauen in meinem Dorf, sich auch für diese Kurse anzumelden“, sagt die 52-jährige Marie Kama aus dem Dorf Fangade in der Region Fatick im Westen des Landes. „Ich besuche diesen Kurs jetzt seit sieben Monaten und kann schon [den lokalen Dialekt] Serer lesen und schreiben, sogar mit längeren Sätzen, und auch einfache Rechenaufgaben lösen“, sagt sie. Das neue Wissen hat ihr auch mehr Selbstvertrauen gegeben. „Endlich kann ich manche Funktionen meines Handys nutzen, ohne jemanden um Hilfe bitten zu müssen“, fügt sie hinzu.
Kama ist eine von 219 Erwachsenen – davon 215 Frauen –, die eines der fünf Alphabetisierungszentren für Erwachsene besuchen, die die LKS in den Regionen Fatick und Kaolack mit Unterstützung des Programms für Projekte von Mitgliedskirchen des Lutherischen Weltbundes (LWB) betreibt.
Sie ist in einer ländlichen Region mit wenig Infrastruktur in dem überwiegend muslimischen Land aufgewachsen, und ihr Zugang zu Bildung war größtenteils informell. Der Unterricht basierte auf traditionellen Modellen. Diese folgen weder dem nationalen französischsprachigen Lehrplan, noch können sie die Lücke zwischen Religionsschulen und moderner, säkularer Bildung schließen.
Zurüstung zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit
Die Alphabetisierungszentren der LKS sind auch ein Raum für die Zurüstung zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit. Die Teilnehmenden erhalten Schulungen zu Techniken und Methoden für die Führung von Kleinunternehmen. Außerdem werden sie angeregt, sich in dörflichen Spar- und Kreditgruppen zusammenzuschließen, um Darlehen für die Gründung oder den Ausbau von einkommensschaffenden Aktivitäten zu erhalten.
2025 haben zwei Frauengruppen Fördermittel erhalten. 60 von ihren Mitgliedern betreiben mittlerweile Marktstände, an denen sie verschiedene Produkte verkaufen und so ein zusätzliches Einkommen für ihre Familien erzielen. „Dies hat die Stabilität der Familien gestärkt, ihre wirtschaftliche Vulnerabilität verringert und Frauen zugerüstet, sich aktiver an Familienentscheidungen und Diskussionen ihren Gemeinwesen zu beteiligen. Diese Veränderung hat bei den lokalen Verantwortlichen insgesamt auch Anerkennung gefunden“, sagt Projektkoordinator Edward Ndong.
Für einen leichteren Start in der Grundschule
Von den insgesamt 396 Kindern (199 Mädchen und 197 Jungen), die 2025 die Vorschulen der LKS besuchten, haben vier eine Behinderung. Den Kindern werden Kenntnisse in Mathematik und Kommunikationsfähigkeiten vermittelt, sie entdecken die Naturwissenschaften, lernen etwas über Hygiene und die Umwelt, beschäftigen sich mit Kunst, Theater und Musik und gesellschaftlichen Werten – und das alles in der Amtssprache des Senegal.
Den Lehrkräften zufolge nehmen die Kinder aktiver am Unterricht teil, sind selbstbewusster und begreifen den Stoff schneller, verglichen mit den herkömmlichen Modellen der Frühförderung. Auch die Leiterinnen und Leiter der staatlichen Schulen bestätigen diesen Unterschied. „Kinder, die von diesen Vorschulen in die Grundschule wechseln, finden sich leichter zurecht und begreifen Grundlagen schneller“, so Marthe Bakhoum, eine der ehrenamtlichen Lehrkräfte.
Marie Kama sagt, ihr Leben habe sich verändert, weil sie jetzt lesen und schreiben könne. Sie möchte andere Frauen in ihrem Dorf davon überzeugen, sich auch zu einem Kurs anzumelden. Foto: LKS/Edward Ndong
Teilnehmende eines Alphabetisierungskurses für Erwachsene in Diocoule, Region Fatick. Foto: LKS/Edward Ndong
Sensibilisierung der Bevölkerung in Ngohé Pofine über die Bedeutung von frühkindlicher Bildung und Alphabetisierung von Erwachsenen. Foto: LKS/Edward Ndong
Unterstützung durch das soziale Umfeld und Identifikation
„Dass sich die örtliche Bevölkerung mit den Projekten identifizieren kann und die Zusammenarbeit mit den nationalen Bildungsbehörden sind für den Erfolg des Projekts äußerst wichtig“, erklärt Ndong. Die Kirche bezieht daher die Menschen von Ort, Akteure aus dem Bildungsbereich sowie traditionelle und religiöse Verantwortliche aktiv in Besprechungen und Entscheidungsprozesse rund um das Alphabetisierungs- und Vorschulprogramm ein.
Die zehn vor Ort rekrutierten Erzieherinnen und Erzieher sowie die fünf Lehrkräfte für die Erwachsenenbildung hatten an einer Fortbildung teilgenommen. Die Aktivitäten während des Schuljahres wurden von einer koordinierenden Person und durch Supervision begleitet.
Eine monatliche Vergütung bekommen die Erzieherinnen und Erziehern von der LKS, aber auch die Eltern der beschulten Kinder und Mitglieder des Gemeinwesens unterstützen das Projekt, beispielsweise mit Spielzeug und Spielen, und die lokalen Behörden spenden Schreib- und Bastelmaterial.
Laut Ndong hat die Initiative nicht nur die direkten Teilnehmenden des Projekts erreicht, sondern ganze Gemeinwesen verändert. In Fatick und Kaolack wurden in verschiedenen Gemeinden 15 Schulverwaltungsgremien eingerichtet, um so die Nachhaltigkeit und lokale Eigenverantwortung zu sichern. Versammlungen in den Gemeinwesen sind zu einer gängigen Praxis geworden und sensibilisieren die Menschen für die Bedeutung der frühkindlichen Bildung und Alphabetisierung.
Das Projekt hat zudem bezahlte Arbeitsplätze für Kursleitende geschaffen und damit zur Verringerung der Landflucht beigetragen. Dennoch steht es vor Herausforderungen, denen sich die LKS stellt. So fehlen zum Beispiel Lehr- und Lesebücher in den Landessprachen, und pädagogisches Spielmaterial ist nur begrenzt verfügbar.