Venezuela: Aufsuchende Gemeindearbeit als neues Modell kirchlichen Dienstes
Das Programm für aufsuchende Gemeindearbeit der venezolanischen Kirche bietet medizinische Versorgung, sichere Räume für Frauen und sinnvolle Angebote für junge Menschen.
Pfarrer Oscar Salazar leitet einen Workshop zur lutherischen Identität in Valencia. Foto: IELV
Jenseits der Kirchenmauern: Menschen dort erreichen, wo sie leben
(LWI) – Trotz anhaltender politischer Spannungen und einer schwierigen Menschenrechtslage entwickelt die Evangelisch-Lutherische Kirche in Venezuela (IELV) ein wegweisendes neues Modell kirchlichen Dienstes. In verschiedenen Städten im zentralwestlichen Teil des Landes geht sie auf die Straße, um Menschen zu erreichen, die besonders dringend praktische, psychosoziale und spirituelle Unterstützung brauchen.
Mit ihrem Programm für aufsuchende Gemeindearbeit in Valencia, Barquisimeto und Tinaquillo kann die IELV vulnerable Bevölkerungsgruppen wie beispielsweise ältere Menschen, Kranke und marginalisierte junge Menschen gezielt und mobil unterstützen. Das Programm steht für einen Wandel weg von einem Dienst, der vor allem innerhalb der Kirchenmauern geschieht, hin zu aktiver Präsenz bei den Menschen in ihrem direkten Wohnumfeld und im öffentlichen Raum.
Unter der Leitung von IELV-Präsident Pfr. Gerardo Hands hat die Kirche gezielt in die Zurüstung der Mitarbeitenden in diesem aufsuchenden Dienst investiert. Pfarrerinnen und Pfarrer, Diakoninnen und Diakone sowie weitere kirchliche Mitarbeitende werden nicht nur theologisch ausgebildet, sondern auch darauf vorbereitet, Menschen in alltäglichen Belastungssituationen zu begleiten, etwa bei Armut, Einsamkeit oder seelischem Stress. Gleichzeitig werden örtliche Leitungsverantwortliche durch kontinuierliche Fortbildungen und aktualisiertes Gottesdienstmaterial für diesen Dienst gerüstet. So entsteht eine Kirche, die aufmerksamer hinsieht, den Menschen näherkommt und stärker in ihren Lebensrealitäten verwurzelt ist.
Der Lutherische Weltbund unterstützt das Programm für aufsuchende Gemeindearbeit der IELV über sein Förderprogramm für Projekte von Mitgliedskirchen.
Junge Menschen bei einer Leitungsschulung. Foto: IELV/Jesus Meza
Begegnung mit Bewohnerinnen und Bewohnern des Pflegeheims Mis Abuelos in Valencia. Foto: IELV/Jesus Meza
Teilnehmende an einem Workshop für Frauen in Leitungsverantwortung unter der Leitung von Psychologin Angélica Castillo. Foto: IELV/Jesus Meza
Medizinische Versorgung und Hausbesuche
Aufsuchende Gemeindearbeit beginnt oft mit einem Gespräch, einem Gebet oder einfach mit stiller, zugewandter Präsenz, die Menschen erfahren lässt, dass sie gesehen und gehört werden. Mit der Zeit schaffen Aktivitäten wie Bibellesungen, Lieder und gemeinsames Nachdenken Vertrauen und geben den Menschen Würde und Hoffnung zurück. Regelmäßige Besuche und enge Beziehungen zu den Menschen in der Gemeinde sollen dazu beitragen, dass sich niemand vergessen oder allein gelassen fühlt.
Da die Gesundheitsversorgung für viele Menschen oft nur eingeschränkt zugänglich und zudem teuer ist, leistet die Kirche praktische Hilfe in Form von Medikamenten und Hausbesuchen bei Kranken, insbesondere bei Kindern und älteren Menschen. Im vergangenen Jahr erhielten mehr als 140 Menschen medizinische Unterstützung durch die IELV.
„Was als medizinisches Hilfsprogramm in Valencia begann, ist inzwischen zu etwas Größerem geworden. Es ist über unsere ursprünglichen Ziele hinausgewachsen und schenkt älteren Menschen und Kindern mit chronischen Erkrankungen verlässliche Begleitung, Trost und Würde“, berichtet Hands. Regelmäßige Seelsorgebesuche und Treffen für ältere Menschen bieten spirituelle Begleitung, Gemeinschaft und Momente der Freude, zum Beispiel bei besonderen Weihnachts- und Jahresabschlussfeiern.
In Valencia schafft ein von der Psychologin Angélica Castillo geleiteter Workshop mit dem Titel „Befreiendes Handeln“ sichere Räume, in denen Frauen über ihre Erfahrungen sprechen, gemeinsam nachdenken und zu ihrem Glauben zurückfinden können. Der Workshop findet an verschiedenen Orten statt und wurden bislang von mehr als 60 Frauen besucht. Viele Teilnehmerinnen berichten, dass sie dadurch neues Selbstvertrauen und ein klareres Bewusstsein für ihre Ziele und Aufgaben gewonnen haben.
Durch unsere Präsenz, durch Zuhören und Begleitung leben wir diakonischen Dienst.
Jesus Meza, Verwaltungsbüro der IELV
Raum für junge Menschen schaffen
In einem Umfeld, in dem Instabilität und wirtschaftliche Not Bildungswege oft erschweren oder unterbrechen, schafft die Kirche alternative Angebote für junge Menschen. Freizeitcamps, Filmvorführungen mit anschließender Gesprächsrunde und weitere Aktivitäten eröffnen Kindern und Jugendlichen Räume, in denen sie miteinander in Kontakt kommen, gemeinsam nachdenken und lernen können. Der örtliche Pfarrer Oscar Salazar bietet zudem Studienkreise zur lutherischen Identität an, sowohl für junge Gemeindemitglieder als auch für Menschen aus dem weiteren Umfeld.
„Durch unsere Präsenz, durch Zuhören und Begleitung leben wir diakonischen Dienst und bringen den Menschen, die am dringendsten Unterstützung benötigen, Trost, Würde und Hoffnung“, sagte Jesus Meza aus dem Verwaltungsbüro der IELV. Dem kleinen, aber höchst engagierten Team gelingt es, Gemeinwesen zu stärken, die täglich mit großen Herausforderungen konfrontiert sind. Dadurch werden mehr Menschen ermutigt, sich einzubringen, mitzuwirken und Leitungsverantwortung zu übernehmen.
Durch die kontinuierliche aufsuchende Gemeindearbeit mit Bibelarbeiten, Workshops und praktischem Engagement in den Gemeinwesen baut die IELV ihre Präsenz behutsam aus. Indem sie Kinder, junge Erwachsene und Familien in schwer erreichbaren Gebieten begleitet, stärkt sie auch die Glaubensgemeinschaften und die christliche Identität.