Nepal: Berufsausbildung eröffnet jungen Erwachsenen neue Chancen
Ein Projekt zur Zurüstung von jungen Erwachsenen hat sich in eine Initiative zur Sicherung nachhaltiger Existenzgrundlagen entwickelt und hilft jungen Erwachsenen, Fertigkeiten zu erwerben, Selbstvertrauen aufzubauen, Einkommen zu generieren und ihre Familien zu unterstützen.
Soniya Tudu hat jüngst eine Ausbildung beim Ganzheitlichen Lutherischen Entwicklungsdienst in Nepal im Rahmen eines Projekts zur Zurüstung von jungen Erwachsenen abgeschlossen und betreibt heute eine eigene Schneiderei. Foto: ELKN
Lutherische Kirche unterstützt junge Frauen und Männer aus marginalisierten Bevölkerungsgruppen
(LWI) – Die nepalesischen Auszubildenden Sabitri Hembram und Soniya Tudu betreiben von zu Hause aus jeweils eine eigene Schneiderei, mit der sie rund 53 US-Dollar bzw. 59 US-Dollar im Monat verdienen. Damit können sie zum Unterhalt ihrer Familien beitragen und sich gleichzeitig die Grundlage für ein eigenständiges Leben schaffen.
Die beiden sind zwei der 210 jungen Frauen und Männer aus marginalisierten Bevölkerungsgruppen in den Distrikten Morang und Jhapa im Ost Nepals, die im Rahmen eines Programms des Ganzheitlichen Lutherischen Entwicklungsdienstes (LHDS) der Evangelisch-Lutherischen Kirche Nepals (ELKN) erfolgreich eine Berufsausbildung abgeschlossen haben. Andere Absolventinnen und Absolventen der Berufsausbildungsprogramme generieren ein Einkommen durch Fertigkeiten, die sie sich in den Bereichen Schönheit und Hautpflege, Maurerhandwerk, Klempnerei, IT oder Elektroinstallation angeeignet haben.
Der Lutherische Weltbund (LWB) unterstützt den LHDS durch sein Programm Projekte der Mitgliedskirchen und eröffnet vielen jungen Erwachsenen, die andernfalls von Arbeitslosigkeit oder unsicheren Arbeitsplätzen betroffen wären, was nicht selten Migration zur Folge hat, damit wichtige Chancen. Schätzungen zufolge verlassen jedes Jahr mehr als 750.000 Nepalis ihr Land, um im Ausland zu arbeiten, und viele weitere haben große Schwierigkeiten, im Inland sichere Arbeitsplätze zu finden. Junge Erwachsene aus marginalisierten Bevölkerungsgruppen (Dalit, Janajati, Musahar und Madhesi) sind mit noch größeren Hürden konfrontiert – Armut, Diskriminierung aufgrund ihrer Kastenzugehörigkeit, geschlechtsspezifische Ungleichheit und ein begrenzter Zugang zu Bildung, was vielen den Weg in menschenwürdige Arbeit und viele Chancen verwehrt.
Fertigkeiten erwerben, Selbstvertrauen aufbauen und eigene Unternehmen gründen
Das Projekt zur Zurüstung von jungen Erwachsenen zu mehr Selbstbestimmung ist so konzipiert, dass in verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Gemeinwesen unterschiedliche Fertigkeiten vermittelt werden, die an die jeweiligen Bedürfnisse vor Ort angepasst sind. Ausbildungen in den Bereichen Sanitär und Elektroinstallation haben jungen Männern technische Fertigkeiten für Bau- und Instandsetzungsarbeiten vermittelt, während Näh- und Kosmetikkurse Frauen und Mädchen die notwendigen Fertigkeiten an die Hand gegeben haben, um von zu Hause aus kleine Unternehmen zu betreiben. Die Auszubildenden erwarben jedoch nicht nur praktische unternehmerische und digitale Kompetenzen, sondern wurden auch in Computerkenntnissen und ethischen Grundwerten geschult, da viele von ihnen zum ersten Mal in ihrem Leben überhaupt einen Computer nutzten.
Besonders hervorzuheben ist, dass das Projekt die Standards des nepalesischen Rats für technische Ausbildungen und Berufsausbildung und der nationalen Kompetenzprüfungen anwandte und die lokal erworbenen Kompetenzen dadurch in landesweit anerkannte Abschlüsse überführte und die Absolventinnen und Absolventen so mit größerem Selbstvertrauen Beschäftigungs- und Verdienstmöglichkeiten wahrnehmen können. Im Projektzeitraum 2023-2025 konnte das ELKN-Projekt für junge Erwachsene dann erfolgreich von einer befristeten Weiterbildungsinitiative in ein Projekt des LHDS umgewandelt werden, der eine vor Ort eingetragene Organisation ist.
Langfristige Wirkung
Der Erfolg des Zentrums lässt sich auch daran ablesen, wie sehr sich die Absolventinnen und Absolventen mit dem LHDS identifizieren und sich für ihn engagieren. Sie haben an der Entwicklung des Curriculums mitgewirkt, verschiedene Aktivitäten organisiert und durchgeführt und geben regelmäßig Feedback. Durch die gegenseitige Unterstützung und Kontrolle unter Gleichaltrigen, die gemeinsame Lösung technischer Probleme und die Zusammenarbeit mit den lokalen Behörden haben viele junge Frauen nicht nur ein Einkommen für sich selbst generiert, sondern sich auch Führungskompetenzen angeeignet und Selbstvertrauen geschöpft und damit die Grundhaltungen in ihren eigenen Familien verändert und traditionelle Geschlechterrollen aufgebrochen.
In 210 Haushalten in den Distrikten Morang und Jhapa gibt es nun einen jungen Mann oder eine junge Frau, die sagen können: ‚Ich habe eine Berufsausbildung. Ich habe Arbeit. Ich bin nicht mehr unsichtbar‘.
Pfr. Patrash Marandi, Generalsekretär, Evangelisch-Lutherische Kirche Nepals.
„In 210 Haushalten in den Distrikten Morang und Jhapa gibt es nun einen jungen Mann oder eine junge Frau, die sagen können: ‚Ich habe eine Berufsausbildung. Ich habe Arbeit. Ich bin nicht mehr unsichtbar‘“, freut sich ELKN-Generalsekretär Pfr. Patrash Marandi.
Das Projekt für junge Erwachsene habe aber nicht einfach nur berufliche Fertigkeiten vermittelt, sagt er. Es habe die Würde der Menschen wiederhergestellt und bestehende Ausgrenzungsstrukturen durchbrochen, die Familien über Generationen hinweg benachteiligt haben. „Vor allem aber hat es die Kirche zu einer treibenden Kraft für wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel gemacht – still und leise, vom Glauben angetrieben und mit bemerkenswertem Erfolg.“
Herausforderungen überwinden
Natürlich lief in dem Projekt nicht immer alles nur glatt: Manisha Rajanshi beispielsweise hatte erfolgreich ein kleines Schneidergeschäft aufgebaut. Aber schon nach wenigen Monaten ging ihre Nähmaschine kaputt, wodurch ihr Einkommen plötzlich wegbrach und sich die Fragilität vieler kleiner Unternehmen zeigte, insbesondere Unternehmungen von Frauen, die keinen Zugang zu Reparaturmöglichkeiten oder finanzieller Unterstützung haben. Absolventinnen und Absolventen in Ballungszentren haben Schwierigkeiten, die notwendigen Geräte zu besorgen, Betriebsmittel zu bekommen und Kapital zu akquirieren, um über die Arbeit von zu Hause hinaus zu wachsen.
Auf institutioneller Eben ist der LHDS mit einer knappen Finanzausstattung konfrontiert und unsicher, ob es seine Aktivitäten über das Projekt zur Zurüstung von jungen Erwachsenen hinaus weiter aufrechterhalten kann. Obwohl ausgebildete Lehrkräfte zur Verfügung stehen, es ein funktionierendes Schulungszentrum gibt und die Lehrpläne ausgearbeitet sind, sind für 2026 noch keine neuen Auszubildenden angemeldet, was Anlass zur Sorge gibt, dass sich die qualifizierten Lehrkräfte anderweitig Arbeit suchen, obwohl der Bedarf in den Gemeinwesen weiter wächst.
Sabitri Hemrom bringt die Fertigkeiten zur Anwendung, die sie sich im Projekt der ELKN zur Zurüstung von jungen Erwachsenen angeeignet hat. Foto: ELKN
Absolventinnen und Absolventen des Berufsbildungszentrums mit ihren Zertifikaten. Foto: ELKN
Das Berufsbildungszentrum vermittelt Computerkenntnisse, um Geschäftsunterlagen zu verwalten und sicher im Internet zu navigieren. Foto: ELKN
Künftiger Fokus: Gleichstellung der Geschlechter
LHDS konzentriert sich nun darauf, Mittel aus neuen Finanzierungsquellen zu mobilisieren, Advocacyarbeit bei den örtlichen Behörden zu betreiben und die Schulungsgeräte zu warten. Ein jüngst gebilligtes Projekt, das auch vom LWB unterstützt wird, will einige dieser Bemühungen fortführen und dabei ab 2027 einen besonderen Schwerpunkt auf das Engagement für die Gleichstellung der Geschlechter legen.
„Das Schulungszentrum steht bereit, die Lehrkräfte sind da, der Lehrplan ist staatlich anerkannt und die Menschen warten“, erklärt Marandi und bringt damit die Hoffnung zum Ausdruck, die er in den Neustart des Projekts setzt.