Kuba: Ein kommunistischer Pastor und „unbequemer Freund“ der Revolution

27 Aug 2026

Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Gemeinschaft“ spricht Bischof Ismael Laborde über verschiedene Momente in der jüngeren Vergangenheit Kubas und verleiht seiner Hoffnung Ausdruck, dass sich das ehemals kommunistische Land immer wieder neu erfinden könne.

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Bischof Ismael Laborde spricht im Juli 2026 in El Salvador bei einem Treffen von Führungspersonen der LWB-Mitgliedskirchen in Mittelamerika, Mexiko und Kuba. Foto: LWB/E. Albrecht

Bischof Ismael Laborde spricht im Juli 2026 in El Salvador bei einem Treffen von Führungspersonen der LWB-Mitgliedskirchen in Mittelamerika, Mexiko und Kuba. Foto: LWB/E. Albrecht

Bischof Ismael Laborde von der Vereinigten Evangelischen Kirche in Kuba – Lutherische Synode

(LWI) – „Mit den Füßen stehe ich fest auf dem Boden, mein Herz aber ist auf den Himmel ausgerichtet“ – so fasst Bischof Ismael Laborde von der Vereinigten Evangelischen Kirche in Kuba – Lutherische Synode sein Verständnis vom Leben, Glauben und dem Dienst am Menschen zusammen.

Viele wichtige Momente und Entwicklungen in der jüngeren Vergangenheit seines Heimatlandes hat der mittlerweile 72-jährige Bischof selbst erlebt. Er wurde im atheistisch geprägten System der Revolution geboren und ist damit aufgewachsen, war als junger Mann selbst überzeugter Atheist und bekleidete Führungspositionen in der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei seines Landes, der Unión de Jóvenes Comunistas. Zu seinen Aufgaben gehörte es sogar, junge christliche Gläubige zu überzeugen, sich von ihrem Glauben abzuwenden.

Sein Leben nahm jedoch eine radikale Wendung, als er die lutherische Kirche in Kuba kennenlernte: „In dieser Kirche hörte ich zum ersten Mal wirklich das Evangelium von Jesus Christus und verschrieb mich dem christlichen Glauben“, erinnert er sich.

In den letzten Jahren und insbesondere nach den jüngsten Hurrikanen und der COVID-19-Pandemie hat die Kirche ihr diakonisches Engagement deutlich ausgebaut: Psychosoziale Unterstützung, das Verteilen von Lebensmitteln und Bemühungen, den Menschen in prekären Lebenslagen wirklich zuzuhören und sie zu begleiten, sind konkrete Formen des Engagements einer Kirche geworden, die laut Laborde in der Lebensrealität ihrer Mitglieder „verwurzelt“ sein muss.

Sie sind in einem System aufgewachsen, in dem die meisten Menschen atheistisch waren. Wie sah Ihre Kindheit aus?

Ich stamme aus einer bescheidenen Familie. Meine Eltern gehörten zur Arbeiterklasse und ich habe meine Kindheit genau dort verbracht, wo heute die Hauptkirche der lutherischen Kirche in Kuba steht. Damals war dort mein Zuhause, aber irgendwann im Laufe der Zeit gelang es uns, die Immobilie auf den Namen der Kirche einzutragen.

In Santiago de Cuba habe ich die Grundschule und die weiterführende Schule besucht und an der Handelsschule anschließend eine Ausbildung in Buchhaltungswesen gemacht. Später studierte ich noch Wirtschaftswissenschaften an der Universität des Ostens – der Universidad de Oriente, die ebenfalls in Santiago de Cuba ist. Ich arbeitete als Dozent und hatte verschiedene Positionen mit Verantwortung sowohl an der Handelsschule als auch an der Universität des Ostens.

Ich war Atheist, aber nicht einfach nur aus Tradition oder Gleichgültigkeit. Ich war überzeugter Atheist, und meine Mission war es, christliche Gläubige zu überzeugen, ihren Glauben aufzugeben.

Wie ist aus Ihnen dann ein Christ geworden?

Ich ging den Weg, den Gott für mich vorgesehen hatte. Ich lernte die lutherische Kirche in Kuba kennen und hörte dort zum ersten Mal wirklich das Evangelium von Jesus Christus. Und dann nahm ich den christlichen Glauben an. Das alles hat nur wenige Tage gedauert und schon bald war ich dann Diakon und später Ältester meiner Gemeinde. 1993 wurde ich in das Pfarramt ordiniert.

Ich erinnere mich noch, dass ich eine Kommilitonin von mir eines Tages bei einem ökumenischen Gottesdienst traf und sie mich fragte, wie dieser Übertritt zum christlichen Glauben für mich gewesen sei. Ich antwortete: „Beschäftige dich mit dem Leben des Paulus. Es reicht aus, das Wort genau zu studieren.“ Denn ich war gewissermaßen ein kubanischer Paulus: Ich hatte einen Teil meiner Jugend damit verbracht, junge Menschen davon zu überzeugen, sich nicht dem christlichen Glauben zuzuwenden – und am Ende wurde ich selbst zu dieser Konfession bekehrt.

Was hat Ihnen der christliche Glaube gegeben, was Sie in materialistischen Ideologien nicht gefunden haben?

Für mich war der christliche Glaube eine Verbesserung im Vergleich zum Atheismus. Ich hatte mich intensiv mit materialistischem Denken auseinandergesetzt und konnte philosophische und wirtschaftliche Fragen aus dieser Perspektive bestens erörtern. Aber irgendwann kam der Punkt, an dem Christus für mich die Antwort war.

Bedeutete Ihre Bekehrung zum christlichen Glauben, dass Sie Ihre politischen Überzeugungen aufgeben mussten?

Nein, nicht zwangsläufig. Die Prozesse gesellschaftlichen Wandels haben mich schon immer interessiert. Wenn ich sage, ich sei Kommunist, meine ich das in einem ganz bestimmten Sinn: Mir ist bewusst, dass die Geschichte unserer Gesellschaft von Konflikten geprägt ist und dass sich die Menschen dieser Realität bewusst werden und versuchen, sie zu verändern. Deshalb sage ich mit einem Hauch Ironie, dass ich der einzige kommunistische Pastor in ganz Kuba bin.

Welche Erinnerungen haben Sie aus den frühen Jahren der Revolution?

Ich erinnere mich, dass [der Revolutionsführer] Camilo Cienfuegos starb und meine Mutter sehr sehr traurig war. Ich erinnere mich, dass wir ans Meer gingen, um im Gedenken an Camilo Blumen ins Meer zu streuen. Ich erinnere mich, dass meine Familie und die Menschen aus unserem Gemeinwesen zusammenkamen. Ich lebte in einem sehr armen Viertel und erlebte, dass sich die Menschen in den revolutionären Umwälzungsbemühungen engagierten, dass sie kämpften und versuchten, die eigenen Lebensbedingungen zu verbessern. Und die Lebensbedingungen vieler Menschen haben sich tatsächlich verbessert, das kann man nicht leugnen.

Ich erinnere mich an den chinesischen Einfluss und später an die Beziehungen zur Sowjetunion. Ich erinnere mich an das russische Fleisch, das wir armen Leute aßen, weil es nichts anderes gab. Alle diese Dinge mögen von außen unwichtig erscheinen, aber das waren sie nicht. Die Art, wie die Soldaten marschierten, die Lebensmittel, die bei uns ankamen, die kulturellen und politischen Einflüsse – all das trägt zum Aufbau einer Gesellschaft bei. Und in diesem Umfeld bin ich aufgewachsen.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in Kuba ein?

Kuba muss sich verändern, aber ich kann nicht sagen, inwiefern genau. Ich weiß nur, dass es sich verändern muss. Wenn sich im Land nichts verändert, wird die Revolution verschwinden. Eines der Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, ist, dass es in Kuba immer starke Männer gegeben hat. Fidel Castro konnte die Massen mobilisieren, Menschen überzeugen und die Führungsrolle in Veränderungsprozessen übernehmen. Aber dieser starke Mann weilt nicht mehr unter uns, und ich glaube, wir erleben gerade eine Phase der Unregierbarkeit. Ein weiteres Problem ist die Politisierung von allem. Dabei lässt sich nicht alles politisieren.

Wie wirkt sich diese Krise auf Ihre Arbeit als Pastor aus?

Ich erlebe sie jeden Tag hautnah. Ich lebe in Santiago de Cuba und sehe, dass die Menschen Hunger haben. Da kann ich nicht schweigen. Die Grundnahrungsmittel, die es früher gegeben hat, gibt es praktisch nicht mehr.

Es gibt viele arme Menschen und Menschen, die vergessen wurden. Das trifft mich besonders, weil ich Pastor bin und unter den Menschen lebe. Ich möchte nicht, dass die Revolution stirbt, aber ich kann sie auch nicht retten. Ich kann nur immer wiederholen, dass sich einige Dinge ändern müssen.

Sie sagen über sich selbst, dass Sie ein „unbequemer Freund“ der Revolution seien. Was bedeutet das?

Wir haben der Revolution ein Wort geschenkt: „Überzeugung“. Wir müssen mit den Menschen reden, Argumente vorbringen, versuchen, sie zu überzeugen, ihnen aber immer mit Liebe begegnen, damit sie die richtigen Entscheidungen treffen können. So hat Jesus es uns vorgelebt, und so stelle auch ich mir die Seelsorge vor.

Christus ist nicht lutherisch, Christus ist nicht katholisch. Christus hat keine Religion. Wir aber leben unseren Glauben in einem religiösen Kontext, und Religion ist ein kulturelles Konstrukt. Glaube hingegen ist etwas ganz anderes. Der Glaube ist ein Geschenk von Gott. Er berührt den innersten Kern eines jeden Menschen. Sie können dich töten, aber deinen Glauben können sie dir nicht nehmen. Sie können die Kirche zerstören, aber deinen Glauben können sie dir nicht nehmen.

Ein öffentlicher Gottesdienst kann den Glauben in den Menschen natürlich fördern, aber er hängt nicht ausschließlich von solchen öffentlichen Veranstaltungen ab. Unser Glaube ist eine persönliche Beziehung zu Gott.

Wie spiegelt sich dieses Verständnis von Glauben in der Beziehung der Kirche zur kubanischen Gesellschaft wider?

Es hat schon immer eine enge Beziehung zwischen unserer Kirche und der Zivilgesellschaft gegeben. Die Kirche hat stets ihre Meinung geäußert und sich an Initiativen beteiligt, die sich an junge Menschen richteten oder in denen es um Frieden, die Wirtschaftsblockade gegen Kuba und andere gesellschaftlich Themen ging. Zahlenmäßig sind wir vielleicht eine kleine Kirche, aber wir haben nicht wenig theologischen und praktischen Einfluss. Wenn wir mit etwas nicht einverstanden sind, sagen wir das zu allen, die es hören müssen, und wir tun dies ohne Angst.

Haben Sie schon einmal Probleme bekommen, weil Sie kritische Ansichten geäußert haben?

Ich hatte in dieser Hinsicht noch nie Probleme. Ich wurde noch nie verfolgt oder inhaftiert – und ich habe schon sehr scharfe Kritik geäußert. Ich habe aber keine Angst, weil ich weiß, an wen ich glaube. Außerdem verstehe ich angesichts meines Alters und weil ich sie selbst miterlebt habe, das zentrale Anliegen der Revolution.

Sie reden immer von Hoffnung. Was bedeutet es für Sie, wenn eine Kirche eine Kirche der Hoffnung ist?

Das bedeutet, dass die Kirche präsent ist, dass sie an der Seite der Menschen steht, wenn diese leiden, dass sie den Menschen hilft zu verstehen, dass Veränderung möglich ist, auch wenn die Umstände das Gegenteil vermuten lassen. Kuba hat sehr schwierige Zeiten erlebt, aber ich glaube nicht, dass es das Schlimmste ist, was die Menschheit je erlebt hat.

Auch Sie waren schon mit einer tiefgreifenden persönlichen Krise konfrontiert. Wie hat sich Ihre Krankheit auf Ihren Glauben ausgewirkt?

Ich hatte in den 1990er Jahren einen Tumor in der Leber. Lutherische, pfingstkirchliche und baptistische Pastorinnen und Pastoren beteten für mich, und auch ich habe viel gebetet. Vor allem 1995 habe ich sehr viel gebetet und gefastet. Danach wurde eine Ultraschalluntersuchung gemacht und der Tumor war tatsächlich nicht mehr zu sehen.

2016 bin ich nach El Salvador gereist und hatte anschließend ein Problem mit der Prostata, das ich nicht angemessen behandeln lassen konnte. Erst 2022 konnte ich mich endlich in Behandlung begeben, erhielt dann aber eine schlimme Diagnose: Der Krebs war bereits fortgeschritten und eine Operation nicht mehr möglich. Glücklicherweise konnten mir gute Freunde aus dem Ausland aber die notwendigen Medikamente schicken.

Was geschah in dieser Zeit auf spiritueller Ebene?

Ich muss ohne Scham zugeben: Meinen Glauben habe ich in dieser Zeit verloren. Psychisch und emotional war ich zutiefst erschüttert. Ich wollte niemanden sehen. Aber der Prozess hat mich auch etwas ganz Grundlegendes über die lutherische Theologie gelehrt: Konversion ist ein Prozess ständiger Erneuerung. Ich hatte meinen Übertritt zum lutherischen Glauben als etwas betrachtet, das in der Vergangenheit lag. Meine Krankheit aber lehrte mich, dass man sich immer wieder neu bekehren lassen muss.

Was hat Ihnen geholfen, wieder zu Kräften zu kommen?

Meine Familie war ganz wichtig. Meine Frau ist Ärztin. Sie hatte Angst, ich könnte sterben, und widmete sich daher ganz meiner Pflege. Auch meine Tochter und meine Enkelin standen mir während des gesamten Prozesses zur Seite. Wir nahmen unsere gemeinsamen Familienandachten wieder auf. Und am Ende begann ich wieder, am Theologie-Seminar zu unterrichten.

Wann hatten Sie das Gefühl, wirklich wieder gesund zu sein?

Im Oktober 2025 wütete der Wirbelsturm Melissa, und ich war bereits in der Lage, aufzustehen und hinauszugehen, um den Menschen zu helfen. Ich ging zu Fuß durch Santiago de Cuba, weil die öffentlichen Verkehrsmitteln stilllagen. Die Straßen waren mit umgestürzten Bäumen übersät und vom Wirbelsturm verwüstet worden. Dieser Wirbelsturm hat mir Kraft gegeben.

Ab Oktober 2025 war ich ein anderer Mensch. Ich fing wieder an zu predigen. Ich hatte sehr gelitten, weil ich das Gefühl hatte, Gott hätte mir meine Gabe zum Predigen genommen. Ich hatte nicht predigen können, hatte keine Predigten schreiben können, und plötzlich war ich doch wieder in der Lage dazu.

Was haben Sie aus diesem ganzen Prozess gelernt?

Dass die Kirche nah bei den Menschen sein muss und dass der Glaube nicht nur auf den Gottesdienst reduziert werden darf. Dass die Kirche ihren Blick nach außen wenden muss und dass Hoffnung nicht einfach nur ein schönes Wort ist. Hoffnung muss Weggemeinschaft sein, muss Nahrung sein, wo Hunger herrscht, muss ein offenes Ohr sein, wo Angst herrscht, muss Hilfe sein, wo Not herrscht, und muss menschliche Nähe sein, wenn sich ein Mensch allein fühlt.

Was erwarten Sie in den kommenden Jahren von der Kirche in Kuba?

Die Kirche muss prophetisch sein. Sie muss die Menschen zum Nachdenken anregen und darf keine Angst vor Veränderungen haben. In Kuba hatten viele Kirchen Angst vor Veränderungen, aber die Vereinigte Evangelische Kirche hat keine Angst. Die Kirche kann kleine Dinge tun. Und wenn alle Kirchen überall dort die Probleme angehen würden, wo es in ihrer Macht steht, gäbe es weniger Probleme. Ich weiß nicht, wohin die Reise in Kuba geht, aber ich glaube fest daran, dass es Hoffnung gibt.

Warum?

Weil die Menschen in Kuba resilient sind und sich immer neu erfinden können. Sie sind ein fleißiges Volk, kein faules Volk. Das Problem ist, dass sie oft hart arbeiten, ohne für ihre Anstrengungen angemessen entlohnt zu werden. Das Geld, das sie verdienen, reicht nicht zum Leben, und das führt zu Frustration und gesellschaftlichen Problemen. Aber die Menschen bleiben Kubas größtes Potenzial.

Wo sehen Sie sich selbst im Kontext all dessen, was in Kuba gerade geschieht?

Ich bin ein pragmatischer Mensch; mit den Füßen stehe ich fest auf dem Boden, aber mein Herz ist auf den Himmel ausgerichtet. Ich bin kein Zukunftsdenker. Ich bin überzeugt, dass die Zukunft in der Gegenwart gestaltet wird. Deshalb maße ich mir nicht an, genau sagen zu können, was in Kuba geschehen wird. Aber ich bin überzeugt, dass es Menschen geben wird, die in der Lage sind, den administrativen Problemen in unserem Land ein Ende zu setzen.

Und ich bin überzeugt, dass die Kirche eine ganz konkrete Aufgabe hat: Sie muss den Menschen zur Seite stehen, sie zum Nachdenken anregen, sie animieren, ihre Stimme zu erheben, wenn etwas nicht stimmt, den Dialog suchen und die Hoffnung nicht aufgeben. Denn wenn es Hoffnung gibt – und solange es Hoffnung gibt –, kann sich Kuba neu erfinden.

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