Bolivien: Gottes Ruf zu folgen bedeutete weniger Sicherheit, aber mehr Dienst an den Nächsten

09 Jul 2026

Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Kirchengemeinschaft“ erzählt Kirchenpräsident Pfr. Freddy Choque von den schönen Erfahrungen und der Verantwortung im Zusammenhang mit seiner Berufung, die Leitung der Kirche in Bolivien zu übernehmen.

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Pfr. Freddy Choque, Kirchenpräsident der Bolivianischen Evangelisch-Lutherischen Kirche. Foto: LWB/E. Albrecht

Pfr. Freddy Choque, Kirchenpräsident der Bolivianischen Evangelisch-Lutherischen Kirche. Foto: LWB/E. Albrecht

Kirchenpräsident Pfr. Freddy Choque von der Bolivianischen Evangelisch-Lutherischen Kirche

(LWI) – Als Pfr. Freddy Choque zum Kirchenpräsidenten der Bolivianischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (IELB) gewählt wurde, hat er eine Entscheidung getroffen, die nur wenige andere an seiner Stelle getroffen hätten. Er hatte eine sichere Anstellung im öffentlichen Dienst, mit einem Gehalt, das doppelt so hoch war, wie das, was er in der Kirche verdienen würde, und geregelten Arbeitszeiten. Dem Ruf Gottes zu folgen bedeutete, diese Sicherheit aufzugeben und eine Aufgabe zu übernehmen, die mehr Zeit, häufiges Reisen und eine nahezu ständige Erreichbarkeit verlangte.

Ein Zeit lang rang er im Gebet um diese Entscheidung und sprach mit seiner Familie, aber entschied sich schließlich, den Schritt zu wagen.

Allerdings kam die Entscheidung auch nicht aus heiterem Himmel. Freddy Choque ist Sohn einer lutherischen Familie in La Paz und wuchs in der Kirche auf, ging mit seinen Eltern in den Gottesdienst, besuchte die Sonntagsschule und lernte den Wert einer christlichen Gemeinschaft schon in jungen Jahren schätzen. Bereits als Teenager begann er, andere Kinder zu unterrichten, übernahm Verantwortung in Jugendgruppen und leitete später eines der lebendigsten Jugendwerke seiner Kirche.

Im Laufe der Jahre wurde ihm immer mehr Anerkennung für seine Lehrkompetenz, seine Mentoring-Fähigkeiten und sein seelsorgerisches Führungswirken zuteil. Er war immer wieder an der Begründung neuer Glaubensgemeinschaften und der Stärkung von bestehenden Gemeinden in verschiedenen Städten und ländlichen Gebieten in ganz Bolivien beteiligt. Heute neigt sich seine Amtszeit als Oberhaupt einer Kirche mit rund 100 Ortsgemeinden vom Hochland bis in die tropischen Regionen des Landes zu Ende und er sprach mit uns über die Berufung, die sein Leben verändert hat, die spirituelle Vielfalt der IELB und den Beitrag, den indigene Kirchen zur weltweiten lutherischen Kirchengemeinschaft leisten können.

Sie haben die ungewöhnliche Entscheidung getroffen, einen Job zu kündigen, bei dem Sie mehr verdient haben und weniger arbeiten mussten, um eine Rolle in der Kirche zu übernehmen, die Sie deutlich mehr in Anspruch nehmen würde. Wie sind Sie zu dieser Entscheidung gekommen?

Ich habe viel gebetet. Ich wusste, dass ich meinen weltlichen Beruf würde aufgeben müssen, wenn ich zum Kirchenpräsidenten gewählt würde. Auch mit meiner Frau habe ich viel und lange darüber gesprochen. Ich wusste, dass das Gehalt bei der Kirche nur etwa halb so hoch sein würde, wie das, was ich damals verdiente, und dass ich keine festen Arbeitszeiten mehr haben würde. Aber ich hatte das Gefühl, dass Gott mich zu diesem Dienst berief. Und als die Wahl kam und ich zum Kirchenpräsidenten ernannt wurde, habe ich mich sehr gefreut, spürte aber auch die Last der Verantwortung. Ich habe erkannt, dass ich diesem Ruf wirklich folgen musste. 

Was genau hat sich nach der Amtsübernahme in Ihrem Leben verändert?

Es hat sich alles verändert. Vorher hatte ich feste Arbeitszeiten und die Nachmittage frei. Als ich das Präsidentenamt übernommen habe, merkte ich, dass ich praktisch ständig verfügbar sein musste. Zudem hat die Kirche Gemeinden in vielen verschiedenen Landesteilen, daher bin ich fortwährend auf Reisen. Aus einer stabilen Routine wurde ein Leben konstanten Dienstes am Nächsten. Das war eine tiefgreifende Veränderung, aber auch eine Gelegenheit, die Lebenswirklichkeit der Kirche besser zu verstehen.

In der heutigen Welt möchten viele Menschen am liebsten weniger arbeiten und mehr Geld verdienen. Wie konnten Sie die Entscheidung treffen, die das genaue Gegenteil davon ist?

Die Überzeugung, dass Gott uns manchmal aufruft, Wege zu beschreiten, die aus wirtschaftlicher Sicht nicht unbedingt sinnvoll erscheinen. Das Evangelium fordert uns auf, uns nicht immer nur auf unseren persönlichen Komfort oder auf Sicherheit zu konzentrieren. Ich hatte das Gefühl, dass Gott mich jahrelang auf diese Aufgabe vorbereitet hat, und dass ich mich voller Zuversicht darauf einlassen sollte.

Wie hat Ihre Beziehung zur lutherischen Kirche ursprünglich angefangen?

Ich bin in eine lutherische Familie hineingeboren worden. Schon als Kind habe ich mit meinen Eltern am Gemeindeleben teilgenommen. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Kindergottesdienst, an die Lieder und die verschiedenen Aktivitäten für Kinder. Daraus ist mein Glaube und mein Gefühl einer Zugehörigkeit zur Gemeinde erwachsen.

Wann hatten Sie das Gefühl, dass sich Ihr Engagement in der Kirche in eine Berufung zum Pfarramt verwandelte?

Das war ein allmählicher Prozess. Ich habe zunächst im Kindergottesdienst mitgewirkt. Dann habe ich mit Jugendgruppen gearbeitet und hin und wieder eine Predigt gehalten. Mit der Zeit vertraute mir die Gemeinde zunehmend größere Aufgaben an. Das Gefühl, zum Pfarrdienst berufen zu sein, wuchs durch den Dienst an meinen Nächsten und durch die Entwicklung mit der Gemeinde.

Sie haben viele Jahre mit jungen Menschen gearbeitet. Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Ich habe verstanden, dass Gott unsere Gebete erhört. Ich erinnere mich noch, dass ich immer davon träumte, eine aktive Jugendgruppe in unserer Gemeinde zu haben, und anfänglich habe ich mit nur einer Hand voll junger Menschen gearbeitet. Aber im Laufe der Zeit kamen immer mehr dazu. Das hat mich gelehrt, dass Beharrlichkeit, Gebete und Unterstützung eine Gemeinschaft von Menschen verwandeln können.

Aktuell helfen Sie auch bei der Gründung einer neuen Gemeinde. Was genau bringt es mit sich, wenn man eine neue Gemeinde gründen will?

Es ist eine tolle Herausforderung! In Nueva Canán, La Paz, starteten wir an einem Ort, wo es bisher keine lutherische Gemeinde gab. Wir sind zu den Menschen nach Hause gegangen, haben Familien unterstützt und auch ein Zentrum für Kinder eröffnet. Zu sehen, wie langsam eine Gemeinschaft entsteht und die Menschen aus dem Evangelium Hoffnung schöpfen, ist eine der schönsten Erfahrungen meiner Arbeit.

Die IELB ist für ihre indigenen Wurzeln bekannt. Wie wird diese Identität heute praktisch gelebt?

In unserer Kirche gibt es viele Angehörige der Aymara und in vielen Gemeinden sind auch andere indigene Kulturen vertreten. Viele Gemeinden feiern zweisprachig Gottesdienst und wir singen Lieder auf Aymara, Spanisch und Quechua. Das zeigt, dass der lutherische Glaube in vielen verschiedenen kulturellen und sprachlichen Ausprägungen wahrhaftig gelebt werden kann.

Welchen Beitrag kann die bolivianische lutherische Kirche Ihrer Ansicht nach zur weltweiten Kirchengemeinschaft leisten?

Ich bin überzeugt, dass wir mit unserem Zusammengehörigkeitsgefühl ein Vorbild sein können. In unseren Gemeinden sind die Themen Familie, Solidarität und das Leben als Gemeinschaft weiterhin sehr wichtig. Außerdem kann unsere Spiritualität als Vorbild dienen; sie ist fest verankert im Gebet, in Besuchen bei den Gemeindemitgliedern, im Fasten und in der gegenseitigen Unterstützung. Damit kann man den Glauben am Leben erhalten und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken.

Sie sagen oft, dass die Spiritualität ein charakteristisches Merkmal der IELB sei. Warum?

Weil sie Teil unserer Identität ist. In manchen Gemeinde dauern Gebetswachen die ganze Nacht; Brüder und Schwestern in Christus nehmen sich Zeit, um gemeinsam zu fasten und zu beten, und die Führungspersonen nehmen lange Strecken auf sich, um die Gemeinden und Menschen zu unterstützen. Diese Art von Spiritualität hat das Wachstum der Kirche über Jahrzehnte hinweg getragen.

Welche Hoffnung haben Sie für die Zukunft der IELB?

Dass wir weiterhin Führungspersonen ausbilden, unsere Gemeinden stabilisieren und das Evangelium zu neuen Orten tragen. Auch hoffe ich, dass die Kirche weiterhin zeigen wird, dass eine Gemeinschaft, die stark in den indigenen Traditionen verwurzelt ist, einen wertvollen Beitrag zur Mission und zum Zeugnis der weltweiten lutherischen Kirchengemeinschaft leisten kann.

LWB/E. Albrecht
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Bolivien