Zusammen mit anderen jungen Menschen für gemeinsame Anliegen eintreten
Im folgenden Interview aus der Reihe „Stimmen aus der Kirchengemeinschaft“ erzählt der Jugendleiter Robert Hammerschmidt von einer Zufallsbegegnung, die zu seinem Engagement im Ökumenischen Jugendrat in Europa (EYCE) geführt hat. Zudem spricht er über die Bedeutung von Gemeinschaft und die Kirche als Ort, an dem sich junge Erwachsene mit wichtigen Fragen unserer Zeit auseinandersetzen können.
Robert Hammerschmidt beim LWB-Seminar für nicht-ordinierte Personen in kirchlichen Führungsfunktionen. Foto: LWB/C. Kästner-Meyer
Robert Hammerschmidt, Jugendleiter in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
(LWI) – Durch eine Zufallsbegegnung mit einem Pastor in einem Kleingartenverein kam der Atheist Robert Hammerschmidt erstmals in Kontakt mit der Kirche. Ihn begeisterte das Gemeinschaftsgefühl und die Möglichkeiten, die die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland jungen Menschen wie ihm zu bieten hatte.
Hammerschmidt studiert Politikwissenschaften und engagiert sich im Ökumenischen Jugendrat in Europa als Schatzmeister. Er versucht junge Menschen, die sich für die ökumenische Bewegung interessieren, zu ermutigen, sich für ein Engagement in ihrer Kirche ausbilden zu lassen. Besonders interessiert ihn, wie junge Menschen aus verschiedenen Kirchen und Gemeinden gemeinsame Nenner finden können, um sich zusammen mit säkularen Organisationen mit den drängenden Fragen unserer heutigen Zeit zu beschäftigen.
Am Rande eines Seminars für nicht-ordinierte Personen in kirchlichen Führungsfunktionen vor Kurzem (https://lutheranworld.org/de/news/laien-fuehrungsfunktionen-treffen-sich-genf-und-wittenberg hat er erzählt, dass seine Kirche und der Lutherische Weltbund (LWB) ihm neue Horizonte eröffnet hätten.
Welcher Kirche gehören Sie an und welche Aufgaben haben Sie dort?
Ich bin Mitglied in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und engagiere mich dort in der Kinder- und Jugendarbeit. Hauptsächlich aber bin ich im Ökumenischen Jugendrat in Europa (EYCE) aktiv, wo ich derzeit als Schatzmeister fungiere. Zentrale Aufgabe des Jugendrats ist, Kirchen in Europa und darüber hinaus in der ökumenischen Bewegung zusammenzubringen.
Wir planen zum einen theologische Programme für junge Menschen, die sich für die Ökumene interessieren und die sich in ihren jeweiligen Mitgliedskirchen zu ehrenamtlichen Jugendleiterinnen und Jugendleitern ausbilden lassen wollen. Darüber hinaus aber diskutieren wir auch, was Ökumene bedeutet, und was es heißt, Teil dieser Bewegung zu sein. Als Politikstudent interessiert mich vor allem das Bild, das die ökumenische Bewegung nach außen vermittelt.
Was genau interessiert Sie daran?
Wir sind eine Bewegung, also eigentlich viele verschiedene Kirchen mit vielen verschiedenen Meinungen. Dadurch sind die internen Diskussionen und Verhandlungsprozesse sehr spannend. Aber öffentlich darüber zu sprechen und zu sagen, dass wir uns als junge Menschen in der Kirche einig geworden sind und nun für dieses oder jenes Anliegen eintreten wollen, finde ich sehr, sehr spannend.
Lassen Sie mich ein konkretes Beispiel nennen: Wir haben im Ökumenischen Jungendforum über den Konflikt in der Westsahara abgestimmt. Wir haben erörtert, welche Bedeutung dieser Konflikt eigentlich für uns Kirchen hat. Was es für uns heißt, dass wir Kirchen sind und muslimische Schwestern und Brüder haben? Was es für christliche Minderheiten heißt, zum Beispiel auch in anderen Ländern, wo die Menschen Leid erfahren? Wie können wir helfen? Und am meisten interessiert mich: Wie kann die ökumenische Bewegung in Kontakt mit der Welt treten?
Was hat Sie als Politikstudent in die Kirche geführt? Sind Sie christlich erzogen worden?
Nein, ich bin atheistisch aufgewachsen. Aber mit 13 kann man ja selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden und ich habe mich taufen lassen, weil ich am Konfirmationsunterricht teilnehmen wollte. Ich bin am Abend vor Ostern, also am Karsamstag, in Weimar getauft worden. Mich hat fasziniert, dass eine Gemeinschaft auch außerhalb des Unterrichts zusammenhält, weil sie eine gemeinsame Überzeugung verbindet. Und dann habe ich schnell verstanden, dass Glauben Gemeinschaft bedeutet und Gemeinschaft Glauben.
Und dann war ich plötzlich voll und ganz in der Kirche eingebunden.
Was oder wer hat Ihr Interesse für die Kirche ursprünglich geweckt?
Wir haben einen Schrebergarten und der Nachbargarten gehörte lange Zeit einem Pastor, einem wirklich beeindruckenden Menschen, der Konfirmationsunterricht gab. Inzwischen ist er im Ruhestand, aber er hat damals mein Interesse für die Kirche geweckt. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar.
In Europa sind viele Menschen der Kirche gegenüber sehr kritisch eingestellt, vor allem junge Menschen, und das ist auch verständlich. Dem müssen wir uns stellen. Gleichwohl muss ich sagen, dass man als junger Mensch in der Kirche unglaublich viele Chancen und Möglichkeiten hat. Ich persönlich konnte sie immer gut nutzen, auch wenn ich aus einer weniger privilegierten Familie komme. Ohne die Kirche und vor allem ohne die evangelische Kirche wäre ich heute nicht da, wo ich bin – und würde wohl auch nicht das studieren, was ich studiere.
Warum nicht?
Wenn man ausreichend inneren Antrieb hat, kann man sich vieles aus eigener Kraft erarbeiten, egal ob man Architektur, Medizin oder Politikwissenschaften studieren will. Aber das braucht Zeit und kostet Energie. Und genau da hat mir die Kirche Türen geöffnet und mich an die Themen herangeführt, die mich wirklich interessieren.
Das entspricht meiner Vorstellung von Gemeinschaft. Ich gebe etwas, bin aktiv in der Kirche, ich kann helfen zu planen und sie zu gestalten – im Gottesdienst, wenn ich Gebete schreibe, im spirituellen Leben, aber auch in den Entscheidungsstrukturen der Kirche. Und im Gegenzug werde ich unterstützt und kann meinen Zielen näherkommen.
Ihr Vater war Teil der Friedlichen Revolution in der DDR. Welchen Einfluss hatte das auf Sie?
Ich bin heute 19 Jahre alt, bin also erst nach der Friedlichen Revolution und dem Fall der Berliner Mauer geboren und habe immer nur Geschichten darüber gehört.
Das interessante ist, dass mein Vater immer in der Kirche gewesen ist. Meine Mutter hingegen hat sich eigentlich nicht besonders für die Kirche interessiert. Sie kam aus bescheidenen Verhältnissen und hat deshalb jede Gelegenheit genutzt, um unter anderen jungen Menschen zu sein. Sie standen dem System also beide sehr kritisch gegenüber, aber aus sehr unterschiedlichen Gründen.
Mich hat beeinflusst, dass ich in gewisser Weise von beiden etwas gelernt habe: Ich schätze die Kirche als Ort der Begegnung für junge Menschen und als Ort der Gemeinschaft. Gleichzeitig habe ich aber auch gelernt, die Kirche kritisch zu hinterfragen und zu schauen, wo sie sich weiterentwickeln und verändern muss.
Was bedeutet es für Sie und Ihre Kirche, Teil des Lutherischen Weltbundes zu sein?
Es ist großartig, dass der LWB nicht nur ein loses Netzwerk ist, sondern ein Ort, an dem wirklich was bewegt wird. Wenn wir Fragen haben, die nicht so sehr nur unsere Gemeinde oder unser Land betreffen, können wir hier Antworten finden.
Das mag abstrakt klingen. Aber es heißt ganz praktisch eben auch, dass wir nicht nur um diese anderen Kirchen wissen, sondern dass wir uns mit ihnen austauschen und Solidarität zum Ausdruck bringen können. Als gut gestellte Landeskirche in Deutschland haben wir dann auch die Möglichkeit, mit gutem Beispiel voranzugehen, also Barmherzigkeit und Solidarität praktisch zu leben.
Es geht aber nicht darum, von oben herab zu helfen, sondern ehrlich auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten. Der Lutherische Weltbund bietet dafür einen Rahmen, in dem alle Kirchen gleichberechtigt sind – oder wenigstens sind wir auf dem Weg dahin.
Und international betrachtet ist das etwas ganz Besonderes. Auf Augenhöhe miteinander zusammenzuarbeiten ist keine Selbstverständlichkeit. Daher bin ich ein bisschen stolz, dass ich sagen kann: Wir gehören zum Lutherischen Weltbund.