Gedanken zur lutherischen Identität und zum lutherischen Zeugnis
Der LWB bietet Theologiestudierenden weiterhin Diskussionsräume, um über das kirchliche Zeugnis und die bis heute bestehende Bedeutung des Augsburger Bekenntnisses nachzudenken.
LWB-Stipendiatinnen und -stipendiaten im Theologiestudium, von links nach rechts: Evelyn Chisulo (Sambia), Francisco Javier Gómez Neumann (Chile), Fregenet Tibebu (Äthiopien) und Ildikó Papp (Ungarn). Fotos: Privat
Studierende der Theologie reflektieren über die lutherische Bekenntnistradition
(LWI) – Wie bleibt die Kirche in ihrer lutherischen Identität verwurzelt und geht gleichzeitig auf die Lebenswirklichkeit lokaler Bevölkerungsgruppen ein? Was bedeutet es, in der heutigen Welt lutherisch zu sein? Theologiestudierende diskutierten diese Fragen auf den jüngsten Treffen der Stipendiatinnen und Stipendiaten im Rahmen des Stipendienprogramms des Lutherischen Weltbundes (LWB).
Fast 50 Studierende aus 34 LWB-Mitgliedskirchen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa nahmen im Mai und Juli an den „Coming Together“-Treffen teil, bei denen verschiedene Aspekte der lutherischen Identität und des Augsburger Bekenntnisses im Mittelpunkt standen.
In einem der Vorträge lud der assistierende LWB-Generalsekretär für ökumenische Beziehungen, Prof. Dr. Dirk Lange, die Studierenden ein, über das Augsburger Bekenntnis und dessen Bedeutung für ihre unterschiedlichen kirchlichen Kontexte nachzudenken. Er ermutigte die Stipendiatinnen und Stipendiaten, ihre Bekenntnistradition als lebendiges Zeugnis zu betrachten, das das Engagement der Kirche für Gerechtigkeit, Freiheit und die Verkündigung der Gnade Gottes in der heutigen Welt weiterhin bestimmt.
„Wir werden ständig herausgefordert zu hinterfragen, was es heute bedeutet, das Evangelium zu verkünden“, sagte Lange. Er betonte, dass es beim Bekenntnis des Glaubens nicht einfach darum gehe, eine Lehre zu bekräftigen, sondern in jedem Kontext Zeugnis für das Evangelium abzulegen. „Die lutherische Kirche ist zu jeder Zeit eine bekennende Kirche“, stellte er fest.
Als bekennende Gemeinschaft weise der LWB stets darauf hin, „wenn Menschen, Kulturen, Gesellschaften, Regierungen oder Gesetze das Evangelium an Bedingungen knüpfen“, so Lange. „Das Evangelium zu verkünden, bedeutet, alles anzuprangern, was das Evangelium der Befreiung beeinträchtigt oder Gottes allen Menschen bedingungslos geschenkte Güte von Voraussetzungen abhängig macht“, fügte er hinzu.
Verwurzelt im Evangelium
Für Fregenet Tibebu, Doktorandin und Dozentin am Mekane-Yesus-Seminar in Äthiopien, ist das Augsburger Bekenntnis auch heute noch ein wichtiger Leitfaden für die Kirche. Mit Verweis auf Artikel IV „Von der Rechtfertigung“ sagte sie: „Wir werden vor Gott durch den Glauben gerecht, nicht durch unsere Taten. Die Erlösung ist ein Geschenk Gottes.“
Als Mitglied der Äthiopischen Evangelischen Kirche Mekane Yesus wies Tibebu darauf hin, dass diese Botschaft in ihrem Land besonders relevant ist, da dort Lehren, die die Erlösung durch eigene Leistung betonen, das Wohlstandsevangelium und selbsternannte Propheten die Kirche weiterhin herausfordern. In diesem Zusammenhang versetzt das Augsburger Bekenntnis die Menschen lutherischen Glaubens weiterhin in die Lage, auf Irrlehren zu reagieren und im Evangelium verwurzelt zu bleiben.
Eine einladende Kirche
Während der Diskussionen darüber, was die lutherische Identität ausmacht, berichteten mehrere Teilnehmende, wie das kirchliche Zeugnis in ihrem jeweiligen Kontext aussieht. Francisco Javier Gómez Neumann von der Lutherischen Kirche in Chile sprach über den „Wandel der Kirche von einer in der deutschen Einwanderergemeinschaft verwurzelten Gemeinde“ hin zu einer Kirche, die „sich mit den lateinamerikanischen sozialen Realitäten auseinandersetzt“, sowie über „die Narben der Pinochet-Diktatur“ als Minderheitskirche in einem überwiegend katholischen Land.
Er beschrieb seine Kirche als eine „Diaspora-Kirche“, die sich „von einem geschützten Raum für die eigene ethnische Gemeinschaft zu einem völlig offenen, sicheren Raum“ gewandelt hat, in dem Migrantinnen und Migranten und Menschen, die in anderen Ländern drangsaliert wurden, Zugehörigkeit und Heilung finden können. „Wir wollen ein Ort sein, an dem sich jeder willkommen fühlen kann, unabhängig von seinem Hintergrund oder der Lebensgeschichte, die er mit sich trägt“, sagte Gómez, der an der lutherischen Universität Faculdades EST in São Leopoldo, Brasilien, auf einen Bachelor-Abschluss in Theologie studiert.
Im Glauben verwurzelt, für die Kultur engagiert
Ildikó Papp, Theologiestudentin an der Evangelisch-Lutherischen Theologischen Universität in Budapest, Ungarn, sprach von der Ambition, eine Kirche zu sein, die „die lokale Realität und die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen in unserem Lebensumfeld“ aufgreift. In benachteiligten Regionen konzentriere sich die Evangelisch-Lutherische Kirche in Ungarn auf die diakonische Arbeit und Hilfe für Menschen in Not, während sie in städtischen Gebieten durch „kulturellen Dialog, Konzerte und Foren, die Glauben und Wissenschaft verbinden“, aktiv werde, sagte sie. Als Minderheitenkonfession sind Offenheit und ökumenische Zusammenarbeit von zentraler Bedeutung für das Zeugnis der Kirche.
Für Papp liegt der Kern der lutherischen Identität darin, „von Gott allein aus Gnade (sola gratia) angenommen und gerettet zu werden, wodurch „eine Atmosphäre der Akzeptanz“ entsteht. Sie erklärte, die Kirche finde einen Ausgleich zwischen Glauben und Kultur durch „kritische Solidarität“, indem sie sich aktiv am Gemeinschaftsleben beteilige und gleichzeitig in der lutherischen Theologie verwurzelt bleibe. „Wir bieten bewusst an Christus orientierte Werte, echte Gemeinschaft und spirituelle Tiefe an“, sagte sie, „und bereichern so die lokale Kultur, ohne unsere eigene kulturelle Identität zu verlieren.“
Wir bieten bewusst christuszentrierte Werte, echte Gemeinschaft und spirituelle Tiefe an.
ldikó Papp, Theologiestudentin an der Evangelisch-Lutherischen Theologischen Universität in Budapest, Ungarn
Gelebter Glaube in Sambia
Evelyn Chisulo, die das letzte Jahr ihres Bachelorstudiums der Theologie an der Mindolo Ecumenical Foundation in Kitwe, Sambia, absolviert, sprach von einem kirchlichen Zeugnis, das beispielhaft „abstrakte theologische Überzeugungen in praktische, gemeinschaftsweite Handlungen umsetzt“. Sie erklärte, dass die Evangelisch-Lutherische Kirche in Sambia durch ihre Nachbarschaftsarbeit, Beratertätigkeit und Bereitstellung von Unterkünften die Versöhnung fördert, zu „einer stabilisierenden Institution wird, die sowohl den Einzelnen als auch die Kultur im weiteren Sinne direkt verändert“.
Für Chisulo wurzelt die lutherische Identität in ihrem Land in „einer christuszentrierten Theologie, starken liturgischen Traditionen und der Betonung eines ganzheitlichen Dienstes für die Gemeinschaft“. Gleichzeitig, so sagte sie, entspreche sie der „lebendigen und kulturell vielfältigen Ausdrucksformen“ der Menschen.
Es gehe auch um ein „gemeinsames Engagement“ durch die Zusammenarbeit mit anderen Akteuren. „Die lutherische Kirche arbeitet eng mit den Menschen in Sambia, der Regierung und globalen Partnern zusammen, um die soziale, spirituelle und ökologische Entwicklung zu fördern“, fügte Chisulo hinzu.
Im Rückblick auf die Diskussionen sagte die LWB-Programmreferentin für Kapazitätsaufbau und Führungsentwicklung, Pfarrerin Katariina Kiilunen, der Austausch unter den Teilnehmenden habe „uns dazu inspiriert, zu ergründen, was es in der heutigen Welt wirklich bedeutet, lutherisch zu sein“. Dadurch wurde „unsere gemeinsame Tradition bestätigt, die sich in der wunderschönen Vielfalt unserer einzigartigen Kontexte ausdrückt“, sage sie abschließend.