Lutherische Identität in Norwegen und im Vereinigten Königreich
Bei einem Besuch von Führungspersonen der nördlichsten Diözese Norwegens in London und Oxford standen insbesondere die Themen Mission, Identität und ökumenische Beziehungen auf der Tagesordnung.
Bischof Svein Valle (vierter v. re.) mit Dekaninnen und Dekanen aus der Diözese Sør-Hålogaland vor der norwegischen St.-Olav-Kirche in London. Foto: LWB/P. Hitchen
Ökumenischer Besuch: Norwegischer Bischof und Dekaninnen und Dekane erörtern in Großbritannien, wie Kirche-sein in Zukunft aussehen kann
(LWI) – Der Besuch in der norwegischen St.-Olav-Gemeinde in London vor Kurzem fühlte sich für Bischof Svein Valle, der die Diözese Sør-Hålogaland im Norden Norwegens leitet, fast wie ein nach Hause kommen an. Denn vor fast 30 Jahren war er mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern nach London gegangen, um in genau dieser Gemeinde als Seelsorger zu arbeiten, die auch als „Norwegische Auslandsgemeinde“ oder „Norwegische Seemannsmission“ bekannt ist.
„Wir hatten Lust auf Abenteuer und wollten etwas Neues erleben“, erinnert er sich im Altarraum der Kirche, in der auch die norwegische Exilregierung während des Zweiten Weltkriegs regelmäßig Gottesdienste feierte. Auch der kürzlich verstorbene norwegische König Harald war regelmäßig dort und so wurde die Gemeinde für Hunderte seiner Landsleute nach dem Tod des Königs im August zu einem Ort, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen und an Gedenkveranstaltungen teilzunehmen.
Als Valle Ende der 1990er Jahre nach London kam (er trat sein Amt am Tag des Todes von Prinzessin Diana an), hatten viele seiner Aufgaben, so erzählt er, mit den Seeleuten zu tun, die an den Ufern der Themse festmachten. „Überall entlang der Themse lagen immer wieder norwegische Schiffe – beladen beispielsweise mit Zuckerrohr oder mit Kohlendioxid zur Bierherstellung, oder aber Öltanker aus der Nordsee. Wir besuchten sie alle. Wir wussten, woher die Besatzungen kamen, und brachten ihnen Zeitungen aus verschiedenen Regionen Norwegens mit“, sagt er.
„Wie können wir in 50 oder 100 Jahren weiterhin Kirche sein?“
Bischof Svein Valle, Norwegische Kirche, Diözese Sør-Hålogaland
Drei Jahrzehnte später war der Bischof nun mit einer Delegation von Dekaninnen und Dekanen aus seiner Diözese für einen Besuch in London und Oxford erneut in Großbritannien. Sie nahmen an traditionellen und an modernen Gottesdiensten teil und tauschten sich mit ihren anglikanischen Amtskolleginnen und Amtskollegen über Mission aus. „Unser Ziel war es, zu sehen, was andere in der Kirche von England so tun, denn sie haben den ehrgeizigen Plan, die Zahl von Jugendlichen und Kindern, die regelmäßig in die Kirche kommen, bis 2030 zu verdoppeln“, berichtet er und unterstreicht, dass der Rückgang der Mitgliederzahlen eine Herausforderung sei, mit der sowohl lutherische als auch anglikanische Kirchen konfrontiert seien.
Die Norwegische Kirche ist Mitglied der so genannten Porvoo-Gemeinschaft lutherischer und anglikanischer Kirchen in Europa, die untereinander volle Kirchengemeinschaft vereinbart haben.
Zwar gehörten landesweit rund 60 Prozent der Bevölkerung der Norwegischen Kirche an und in seiner eigenen Diözese seien es 70 Prozent, doch Valle sieht die Entwicklungen in anderen Teilen Europas als „Warnsignal“. Zusammen mit seinen Dekaninnen und Dekanen denke er laufend darüber nach, „wie wir in 50 oder 100 Jahren weiterhin Kirche sein können“. Sie wüssten, dass sie heute etwas tun müssen, „daher war es interessant, uns hier über Ideen auszutauschen und anglikanische Perspektiven zu hören“.
In seiner Zeit als Geistlicher in der St.-Olav-Gemeinde pflegte er enge Beziehungen zu den anglikanischen und katholischen Priestern in seinem Stadtteil, der an einem der ersten Tunnel liegt, die unter der Themse durchführten. „Wir trafen uns einmal im Monat mit den Kolleginnen und Kollegen aus den beiden anglikanischen Gemeinden – eine zählte zu den so genannten ‚low churches‘, war also eher charismatisch, die andere zählte zu den so genannten ‚high churches‘, also den sehr traditionell ausgerichteten Gemeinden – und mit den Priestern aus zwei katholischen Gemeinden“, erinnert er sich.
Bischof Svein Valle (re.) mit LWB-Ratsmitglied Dekanin Kristine Sandmæl im Altarraum der norwegischen St.-Olav-Kirche in London. Foto: LWB/P. Hitchen
Die Delegation der Norwegischen Kirche im angeregten Gespräch in der norwegischen St.-Olav-Gemeinde in London. Foto: LWB/P. Hitchen
Die norwegische St.-Olav-Kirche in London. Foto: LWB/P. Hitchen
„Ich glaube, dass wir uns heute mehr Gedanken über eine Kirche mit ‚gemischter Ökologie‘ machen sollten, die verschiedene Formen annimmt und in der unterschiedliche Menschen Anknüpfungspunkte finden können“, sagt er über die Ergebnisse des Besuchs vom 19. bis 22. September. „In Norwegen sind wir immer recht traditionell, auch wenn es Chöre und Jugendgruppen gibt und an einigen Orten auch Aktivitäten für Kleinkinder angeboten werden. Aber wir wissen auch, dass Kinder besser in die Kirche und den Glauben hineinwachsen, wenn sie sich frühzeitig angesprochen fühlen und regelmäßig teilnehmen“, sagt er.
„In der Kirche von England gibt es mehr Vielfalt. Es gibt sehr evangelikalen Formen des Gottesdienstes und sehr traditionelle Gottesdienste und Musik“, unterstreicht Dekanin Kristine Sandmæl, die Mitglied im Rat des Lutherischen Weltbundes (LWB) ist und bei dem Besuch in Großbritannien ebenfalls dabei war. „Wir wissen, dass wir unsere Jugendarbeit erneuern müssen, aber es wird immer einen Unterschied geben zwischen der Art und Weise, wie man in einer Großstadt mit einer Universität Kirche lebt und dies in einem kleinen Dorf mit überwiegend älteren Menschen gelebt wird“, sagt sie. „Junge Menschen fühlen sich vom evangelikalen Modell angesprochen, aber dies geht auch mit einer konservativeren Theologie und konservativeren ethischen Sichtweisen einher, und genau das ist eine große Herausforderung“, fasst sie zusammen.
Im Gegensatz zur Anglikanischen Kirche in Großbritannien seien die lutherischen Gläubigen in diesem Land schon immer eine kleine Minderheit gewesen, betonte Sandmæl zum Abschluss des ersten persönlichen Treffens des Bischofs und der Dekaninnen und Dekanen der Diözese. „Wir haben drei neue Mitglieder in unserem Team, daher war dies für uns alle eine wichtige Gelegenheit, um uns gemeinsam Gedanken zu machen“, sagte sie. „Wo wir herkommen, sind die Menschen einfach Mitglieder der Mehrheitskirche und machen sich nicht so viele Gedanken darüber, was es bedeutet, lutherisch zu sein. Ich würde sagen, dieser Besuch hat uns animiert, genauer darüber nachzudenken, wie wir unsere lutherische Identität in unserem eigenen Kontext stärken können“, erklärte sie abschließend.