Erfahrungen indigener Völker mit Wahrheits- und Versöhnungsprozessen

30 Okt 2026

Prozesse der Wahrheit und Versöhnung mit indigenen Völkern brauchen dauerhaftes Engagement und sichtbaren Wandel statt bloßer Worte und symbolischer Gesten, betonen Kirchenvertreterinnen und -vertreter bei einer weltweiten Konsultation des LWB.

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Indigene Führungspersönlichkeiten setzen sich bei der UN-Klimakonferenz COP25 im Jahr 2019 in Madrid/Spanien dafür ein, dass die Stimmen ihrer Völker Gehör finden. Foto: LWB/Albin Hillert

Indigene Führungspersönlichkeiten setzen sich bei der UN-Klimakonferenz COP25 im Jahr 2019 in Madrid/Spanien dafür ein, dass die Stimmen ihrer Völker Gehör finden. Foto: LWB/Albin Hillert

Konsultation mit Vertreterinnen und Vertretern der LWB-Mitgliedskirchen: Wahrheitsfindung ist entscheidend für Heilung und Versöhnung

(LWI) – Damit Wahrheits- und Versöhnungsprozesse mit indigenen Völkern etwas bewirken, müssen sie über Worte und symbolische Gesten hinausgehen. Sie müssen dauerhaft sicherstellen, dass die Stimmen, Rechte und Kulturen der indigenen Völker dauerhaft Gehör und Berücksichtigung finden und indigene Führungspersönlichkeiten die Prozesse, die sie betreffen, maßgeblich mitgestalten. Dies war eine der zentralen Botschaften einer weltweiten Online-Konsultation, zu der der Lutherische Weltbund (LWB) unter dem Thema „Wahrheit und Versöhnung“ eingeladen hatte.

Die Online-Konsultation am 21. Oktober war die zweite Veranstaltung einer im November 2025 begonnenen Reihe mit dem Ziel, entsprechend den Resolutionen der LWB-Vollversammlung mehr Raum für den Dialog mit und zwischen indigenen Völkern zu schaffen und sich kontinuierlich für ihre Rechte einzusetzen. An der Konsultation nahmen Vertreterinnen und Vertreter der Mitgliedskirchen aus allen Regionen der Kirchengemeinschaft teil, die überwiegend selbst indigenen Gemeinschaften angehören.

In ihrer Eröffnungsrede sprach LWB-Generalsekretärin Pfarrerin Dr. Anne Burghardt über die Bedeutung der Wahrheit als christliches Gebot für ein friedliches Miteinander und als notwendigen Schritt hin zur Versöhnung. Angesichts der weiten Verbreitung von Fehlinformationen und Desinformation, auch über soziale Medien, sowie des wachsenden Risikos der Manipulation durch künstliche Intelligenz betonte sie die Berufung, das Evangelium in Wahrhaftigkeit zu verkünden. Dies gelte insbesondere in einer Welt, in der „viele religiöse und politische Mächte die Wahrheit ständig infrage stellen, manipulieren oder leugnen“.

Versöhnung sei schon immer schwierig gewesen, so Burghardt. Sie sei ein Prozess, der Wahrheit, das Eingestehen von Fehlverhalten, Heilung und Wiedergutmachung erfordere, ebenso wie echte Beteiligung derer, die unter Tyrannei, Kolonialismus, Machtmissbrauch und anderen Formen der Ungerechtigkeit gelitten hätten. „Bei Wahrheits- und Versöhnungsprozessen müssen die Stimmen, die Selbstbestimmung, die Geschichten und die Rechte der indigenen Völker im Mittelpunkt stehen“, fügte sie hinzu. Sie bekräftigte zudem, dass der LWB jegliche Vorstellungen von Überlegenheit ebenso ablehne wie die Instrumentalisierung religiöser oder politischer Ideen, mit denen indigenen Völkern ihre Menschenrechte und ihre von Gott gegebene Würde abgesprochen würden.

Zu den Podiumsgästen und weiteren Rednerinnen und Rednern gehörten Dr. Kelly Sherman-Conroy, Evangelisch-Lutherische Kirche in Amerika; Pfarrer Paul Gehrs, Evangelisch-Lutherische Kirche in Kanada; Marian Andrea Coy Contreras, Evangelisch-Lutherische Kirche Kolumbiens; Esmeralda Perez, Lutherische costa-ricanische Kirche; Pfarrerin Mari Valjakka und Dr. Heidi Eriksen, Evangelisch-Lutherische Kirche Finnlands; Valeria Gil Castillo, Augustinische Lutherische Kirche von Guatemala; Lisbeth Hotti, Schwedische Kirche; und Ellena Mbogela, Evangelisch-Lutherische Kirche in Tansania.

Unterschiedliche Kontexte, ähnliche Erkenntnisse

Trotz der unterschiedlichen Kontexte berichteten die Teilnehmenden von ähnlichen Erfahrungen und Erkenntnissen. Ein wiederkehrendes Thema war die Bedeutung der Wahrheitsfindung als Grundlage für Heilung. Die Teilnehmenden verdeutlichten, wie historisches Unrecht durch den Verlust von Land, Sprache, Kultur, Lebensgrundlagen und Selbstbestimmung Gemeinschaften über Generationen hinweg prägen. Vielerorts leben indigene Völker nach wie vor mit den Folgen von Vertreibung, Diskriminierung, Ausgrenzung, geschlechtsspezifischer Gewalt und anderen Menschenrechtsverletzungen. Die Rednerinnen und Redner betonten, dass Versöhnung nicht dadurch erreicht werden könne, dass man die Vergangenheit vergisst, sondern indem man sie ehrlich anerkennt und sicherstellt, dass betroffene Gemeinschaften ihre eigenen Geschichten erzählen und ihre kollektiven Erinnerungen bewahren können.

Die Teilnehmenden würdigten zwar den aktuellen Beitrag der Kirchen zur Unterstützung indigener Völker, betonten jedoch auch die Notwendigkeit, sich mit schwierigen Aspekten ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Dazu gehöre auch die frühere Mitverantwortung für eine Bildungspolitik, die auf Assimilation abzielte, für kulturelle Unterdrückung und andere Formen von Unrecht. Gleichzeitig wurden die Kirchen ermutigt, aus ihren geistlichen Ressourcen zu schöpfen, um zu Orten der Heilung, Begleitung und Transformation zu werden.

Über alle Kontexte hinweg wurde das Zuhören als eine der wichtigsten Instrumente für Versöhnung benannt. Sinnvolles Engagement beginnt damit, dass sichere Räume für den Erfahrungsaustausch geschaffen werden. Vertrauen aufzubauen, erfordert Geduld, langfristiges Engagement und die Einsicht, dass Versöhnung ein Prozess und kein einmaliges Ereignis ist, so die Beobachtung der Teilnehmenden.

Sie hoben auch den engen Zusammenhang zwischen Versöhnung und Rechten hervor. Wichtig seien konkrete Maßnahmen gegen fortbestehende Ungleichheiten, darunter der Schutz von Land, Territorien, Sprachen, kulturellem Erbe und indigenen Wissenssystemen. Viele betonten, dass die Anerkennung der indigenen Autonomie und Selbstbestimmung für dauerhaften Frieden und Gerechtigkeit unerlässlich sei. Von indigenen Gemeinschaften selbst verantwortete Bildung, die Weitergabe von Wissen zwischen den Generationen und die Bewahrung der Kultur wurden als wichtige Beiträge zu Versöhnungsbemühungen genannt.

Die Teilnehmenden wiesen darauf hin, dass historisches und fortdauerndes Unrecht aufgearbeitet werden müsse. Dabei seien die besonderen Erfahrungen von Frauen, Kindern, Älteren und Menschen mit Behinderungen zu berücksichtigen. Versöhnungs- und Wiedergutmachungsmaßnahmen sollten diesen unterschiedlichen Lebensrealitäten Rechnung tragen und zugleich das kollektive Leid anerkennen, das die Gemeinschaften erfahren haben.

Ein weiteres kontextübergreifendes Thema war die Wiederbelebung von Kultur und Sprache. Die Teilnehmenden hörten traditionellen Yoik-Gesang des Volkes der Sámi sowie Lieder des Chors der Finke River Mission aus Australien. Indigene Sprachen, Traditionen, Spiritualität und künstlerische Ausdrucksformen wurden als Quellen der Resilienz, Heilung und Hoffnung gewürdigt.

Verstärkte Bemühungen um sichtbaren Wandel

Mit Blick auf die Zukunft machten die Teilnehmenden Vorschläge, wie der LWB seine Unterstützung für indigene Völker verstärken könnte. Unter anderem wurde vorgeschlagen, innerhalb der Kirchengemeinschaft weitere Räume für indigene Stimmen und Führungsverantwortung zu schaffen, Wissen und Bewusstsein für die Geschichte und Rechte indigener Völker zu fördern und die Advocacy-Arbeit für Landrechte, Selbstbestimmung sowie den Schutz indigener Kulturen und Sprachen auszubauen.

In ihren abschließenden Überlegungen hob Burghardt drei Beobachtungen hervor: Versöhnung müsse „mit“ den indigenen Völkern und nicht „für“ sie geschehen; Vertrauen sei unerlässlich und entwickle sich im Laufe der Zeit; und Versöhnungsprozesse müssten zu sichtbaren Veränderungen führen. Sie ging auch auf die Bedeutung der Bewahrung von Sprachen und kultureller Identität ein und stellte fest, dass die Teilnehmenden wertvolle Einblicke vermittelt und wichtige Bereiche für künftiges Handeln benannt hätten.

Die Mitarbeitenden des LWB-Büros der Kirchengemeinschaft, die die Konsultation moderierten, verwiesen auf Materialien wie den LWB-Rahmen für Advocacy-Arbeit 2025–2031, der den Mitgliedskirchen Orientierung für ihre Advocacy-Arbeit bietet. Sie machten zudem auf die Teilnahme des LWB am Ständigen Forum der Vereinten Nationen für indigene Angelegenheiten im Mai 2027 aufmerksam, das im Zeichen des 20-jährigen Bestehens der UN-Erklärung über die Rechte der indigenen Völker stehen wird.

LWB/P. Mumia
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