Eine Schulung mit weitreichenden Auswirkungen: Gendergerechtigkeit über den Seminarraum hinaus
Teilnehmende aus afrikanischen Kirchen tragen ihr Wissen über Gendergerechtigkeit aus dem Seminarraum in ihre Kirchengemeinden und ihr gesellschaftliches Umfeld.
Dan Mwamba Mushikonke (rechts mit Mikrofon) von der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Kongo leitet ein Seminar zu Gendergerechtigkeit an der Protestantischen Universität des Kongo in Kinshasa. Foto: Privat
Vermächtnis von Hélène Ralivao (LWB) inspiriert Menschen in afrikanischen Kirchen und darüber hinaus zum Handeln
(LWI) – Mit seinem Engagement im Gedenken an Hélène Ralivao, die sich in der Madagassischen Lutherischen Kirche (MLK) für theologische Bildung und Gendergerechtigkeit einsetzte, ermutigt der Lutherische Weltbund (LWB) weiterhin Frauen und Männer in afrikanischen Kirchen, gegen häusliche Gewalt, sexuelle Belästigung, geschlechtsspezifische Diskriminierung und schädliche traditionelle Praktiken vorzugehen.
Pfarrer François Solonantenaina von der MLK gehört zu den 27 Personen, die an einer Schulung des Hélène-Ralivao-Fonds (HRF) zu Theologie, Gendergerechtigkeit und Führungskompetenz (TGLE) für französischsprachige Kirchen in Afrika teilgenommen haben. Voraussetzung für die Teilnahme war die Bereitschaft, das Gelernte in die Praxis umzusetzen. Der Leiter des Referats für Männerarbeit der MLK berichtete, wie die Schulung sein Verständnis des Zusammenhangs zwischen männlichem Führungsverhalten und Frauenrechten verändert hat.
„Die Schulung war ein entscheidender Anstoß: Sie hat meinen Blick dafür geschärft, dass männliches Führungsverhalten oft eine zentrale Rolle spielt, wenn Frauenrechte in Kirche und Gesellschaft behindert werden. Zugleich hat sie mir konkrete Werkzeuge an die Hand gegeben, um aus dieser Erkenntnis heraus zu handeln“, sagte Solonantenaina.
Die Erfahrungsberichte von Teilnehmenden aus anderen Ländern hätten ihm gezeigt, wie wertvoll es sei, über verschiedene Kontexte hinweg zu lernen, bemerkte er. Dabei sei auch deutlich geworden, dass viele Kirchen vor ähnlichen Herausforderungen stünden: genderspezifische Diskriminierung, Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowie mangelnde Möglichkeiten, Frauen für Leitungsaufgaben in Kirche und Gesellschaft zu befähigen.
Die Schulung war ein entscheidender Anstoß: Sie hat meinen Blick dafür geschärft, dass männliches Führungsverhalten oft eine zentrale Rolle spielt, wenn Frauenrechte in Kirche und Gesellschaft behindert werden. Zugleich hat sie mir konkrete Werkzeuge an die Hand gegeben, um aus dieser Erkenntnis heraus zu handeln.
Pfarrer François Solonantenaina, Madagassische Lutherische Kirche
Teilhabe und Gerechtigkeit für die ganze Kirche
Mit Unterstützung des MLK und des LWB half Solonantenaina seiner Kirche dabei, eine Initiative ins Leben zu rufen, die den Titel „Aufbau einer männlichen Führung, die die Würde der Frauen achtet“ trägt. Unter seiner Leitung hat die Männerarbeit der MLK in den Synoden der Kirche Workshops für Pfarrpersonen und Kirchenälteste durchgeführt. Langfristiges Ziel ist es, sowohl Männer als auch Frauen auf lokaler Gemeindeebene zu erreichen.
Angèle Dadje von der Lutherischen Brüderkirche Kameruns berichtete, dass sie einen Workshop für Jugendliche in Ngaoundéré geleitet habe. Ziel war es, Einstellungen und Verhaltensweisen junger Menschen aufzugreifen, bevor sich feste Muster herausbilden, und damit die institutionellen und seelsorgerischen Ansätze der Kirche zu ergänzen.
Im Rahmen einer ähnlichen Initiative leitete Dan Mwamba Mushikonke von der Evangelisch-Lutherischen Kirche im Kongo (EELCO) ein Seminar über positive Männlichkeit an der Protestantischen Universität des Kongo in Kinshasa, an dem 306 Studierende teilnahmen, darunter 147 Männer. Er berichtete von lebhaften Diskussionen über Gendergerechtigkeit, häusliche und genderspezifische Gewalt sowie die Arbeit des LWB. Den Abschluss bildete eine simulierte Gerichtsverhandlung, die den Studierenden eine praxisnahe Auseinandersetzung mit diesen Themen ermöglichte.
Pfarrerin Dr. Adrienne Ilunga, Leiterin der Abteilung für Theologie, Mission, Evangelisation und christliche Bildung der EELCO, bekräftigte, dass Gendergerechtigkeit kein reines Frauenthema sei, sondern eine Frage der Gerechtigkeit, Teilhabe und Chancengleichheit für die gesamte Kirche. Die TGLE-Schulung habe auch dazu geführt, dass die kirchliche Gruppe „Frauen für Christus“, Kindergottesdienstmitarbeitende, Jugendliche und Waisenkinder in den Diözesen Lubumbashi, Likasi und Kolwezi gezielter in den Blick genommen würden.
Ihr Aufruf, qualifizierte Frauen mit Leitungsaufgaben zu betrauen, hat dazu geführt, dass die Diözese Malemba N’Kulu eine Frau mit der Koordination der Verteilung von Lehrmaterialien in der gesamten Diözese beauftragt hat. Ilunga, die selbst als Hochschuldozentin tätig ist, leitete außerdem einen Workshop zu Gendergerechtigkeit für Theologiestudierende in Likasi. Dabei ermutigte sie Studentinnen, sich in ihren Heimatgemeinden um Leitungsämter zu bewerben.
Für die Zukunft schlug Ilunga vor, einen ständigen Ausschuss für Gendergerechtigkeit in der EELCO einzurichten, regelmäßige Bildungsangebote für Kirchenmitglieder zu schaffen, Gendergerechtigkeit in Predigt und Lehre zu verankern und lokale Initiativen in allen Diözesen weiterhin zu unterstützen.
Aufbau einer transformativen Führung
Der LWB-Regionalsekretär für Afrika, Pfarrer Dr. Samuel Dawai, begrüßte die Rückmeldungen der Teilnehmenden: „Sie zeigen, wie sehr sich die Menschen in unseren Kirchen und ihrem gesellschaftlichen Umfeld nach Botschaften der Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und des Friedens sehnen.“ Menschen für Leitungsaufgaben zu qualifizieren, die diese Werte vermitteln können, „muss für die LWB-Mitgliedskirchen weiterhin eine Priorität sein“, fügte er hinzu.
Seit 2022 haben mehr als 150 Frauen und Männer aus LWB-Mitgliedskirchen in Afrika und Asien an Schulungen des TGLE-Programms teilgenommen. Viele von ihnen haben anschließend Aktivitäten angestoßen, um transformative Führung in ihren Kirchen zu fördern. „Wir haben gesehen, warum eine gute theologische Ausbildung und die kontinuierliche Weiterbildung von Pfarrpersonen sowie von Laiinnen und Laien in Leitungsämtern, wie den TGLE-Teilnehmenden, so wichtig sind“, erklärte Pfarrerin Katariina Kiilunen, LWB-Programmreferentin für transformative Führung.
„Gute Ausbildung füllt nicht einfach nur unseren Kopf. Sie prägt uns“, sagte sie. „Sie gibt uns die Werkzeuge, um Zustände zu erkennen, die im Widerspruch zum Evangelium stehen, die Heilige Schrift klar und mutig zu deuten und uns auf die verschiedenen Lebenswirklichkeiten einzulassen“, so Kiilunen abschließend.
Das TGLE-Programm wird durch den Hélène-Ralivao-Fonds finanziert. Der LWB richtete den Fonds im Juni 2021 im Gedenken an die gleichnamige Theologin der Madagassischen Lutherischen Kirche ein. Damit würdigt er ihren engagierten Dienst für die Kirche sowie ihren Einsatz für die theologische Bildung von Frauen und deren Übernahme von Leitungsverantwortung in ihrem Heimatland Madagaskar und darüber hinaus.